Wo bleibt die Philosophie im Deutschen Ethikrat?

Den ersten Artikel in diesem Blog möchte ich nutzen, um seine Notwendigkeit an einem konkreten Beispiel zu illustrieren: In der aktuellen Zusammensetzung des Deutschen Ethikrats vermißt man Mitglieder, die explizit als Philosophen firmieren und als solche in ihrer gesellschaftlichen Stellung und Tätigkeit unmittelbar zu erkennen wären. Nicht so schlimm, meinen Sie? Da ist ja noch der wackere Jurist und Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, da sind Medizinethiker mit philosophischer Ausbildung und – ja – da sind jede Menge Theologen, denen man auch eine ganze Menge Philosophie beigebracht hat, wenn auch immer unter stillschweigender Voraussetzung der alten Devise von der „ancilla theologiae“, Philosophie als „Magd der Theologie“.

Daß es leider doch schlimm ist, wie sich die Bundesregierung da ihren Ethikrat nach ihrem religiös dominierten Gusto zusammensucht, versteht man sehr rasch, wenn man sich einmal das hervorrragende Sondervotum des Philosophen Volker Gerhardt zur Demenz-Stellusngnahme vom Frühjahr 2012 ansieht (damals waren noch er selbst und seine sich dem Votum anschließende Kollegin Weyma Lübbe in dem Gremium): http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/stellungnahme-demenz-und-selbstbestimmung.pdf (S. 101 ff.) Einer der Momente, wo wirklich philosophische und moralische Überlegung und ernsthaftes Farbebekennen vom Ethikrat gefordert wurde (etwa auch zum Problem der Kontinuität menschlicher Personen) und ihm zu Recht vorgehalten wurde, daß er seine Existenzberechtigung nicht in wohlmeinenden Bekundungen humanitärer Wünschbarkeiten finden kann, die unauflösbare Dilemmata und tragische Lebenssituationen unter den Tisch kehren. Mit jenen vagen Bekundungen, die es jedem recht machen wollen, aus denen nach leider eher gewohntem Muster das Hauptvotum zur Demenz besteht, wird der Ethikrat die unvermeidliche Diskussion um Selbstbestimmung in unerträglichen Situationen am Lebensende, um gesellschaftlich akzeptierte Selbsttötung unter bestimmten Bedingungen, um assistierten Suizid und Sterbehilfe nicht wieder über die Schweizer Grenze zurückscheuchen können. Der Gegensatz zu der dort erreichten humanen Selbstbestimmung wird das Problem in Deutschland nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Auseinandersetzung muß und wird im Gegenteil an Schärfe gewinnen, in dem Maße wie sich die konservativen Bemühungen um eine restriktive Verschärfung der Sterbehilfegesetzgebung konkretisieren sollten.

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Ziele und Grundsätze des Blogs

Die Philosophie und die Philosophen haben ein Öffentlichkeitsdefizit. Viele Leute werden zwar spontan den Namen ihres jeweiligen Diözesanbischofs nennen können, nicht aber den auch nur eines Philosophen, der an der nächstgelegenen Universität lehrt oder anderweitig in ihrer Region tätig ist.

Manche Ursachen für diese Situation werden die Philosophen nicht ändern können. Sie können nun einmal nicht auf vergleichbare institutionelle Traditionen und Rituale zurückgreifen wie die Kirchen und sie präsentieren sich kaum aus Anlaß gesellschaftlicher Großfeste sowie individueller und politischer Initiations- und Übergangsriten ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit.

Das Öffentlichkeitsdefizit der Philosophie steht jedoch in klarem Widerspruch zur fortschreitenden Säkularisierung unserer Gesellschaft. Kirchliche und theologische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen und moralischen Fragen erhalten dadurch übermäßiges Gewicht. Sie behalten mehr Gewicht, als es in Anbetracht der schwindenden Bedeutung religiöser Lebensorientierung in der Gesellschaft und des fortschreitenden Mitgliederschwunds der Kirchen noch angemessen wäre.

Es gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Philosophie, die Wertediskussion in einer säkularen Gesellschaft zu führen und mitzubestimmen. Dieser Blog soll einen kleinen, langfristig angelegten Beitrag leisten, damit dies besser gelingt. Die Diskussionen die hier geführt werden, sollten sich um ein hohes Niveau an sachlicher Auseinandersetzung bemühen, was bisweilen Ironie und polemische Schärfe nicht ausschließen muß. Platter Antiklerikalismus, hämische und pseudolustige Kirchenkritik sowie jegliche persönliche Verunglimpfungen und beleidigende Herabsetzungen sind hier jedoch unerwünscht und werden, jedenfalls in gravierenden Fällen, vom Administrator gelöscht werden.

Dieser Blog lädt alle Philosophen, die sich von dem skizzierten Programm angesprochen fühlen, zur Mitarbeit ein. Der Administrator fordert dazu auf, allfällige wechselseitige Ressentiments zwischen Universitätsphilosophie, sogenannter Popularphilosophie und interessierten Diskussionsteilnehmern ohne formale philosophische Qualifikation aus diesem Blog herauszuhalten und die Diskussion ausschließlich an der argumentativen und sachlichen Qualität der Beiträge zu orientieren.

Hintergrundinformationen

Inititiator und Administrator des Blogs:

Dr. Michael Murauer, Deggendorf

e-Mail: michael.murauer@gmx.de

Homepage: http://www.murauer.info

Das Hintergrundbild zeigt die Skulptur „Lebensfreude“ (1967) des österreichischen Bildhauers Oskar Höfinger.

Der Administrator übernimmt keine Haftung für Inhalte externer Links sowie von anderen Teilnehmern eingestellte Inhalte (Artikel, Kommentare etc.).