Die Unentbehrlichkeit der Aufklärung

Ein Manifest

 

Religion

Religiöse Welterklärungen sind im 21. Jahrhundert durch das von der modernen Wissenschaft geprägte naturalistische Weltbild überholt. Auch die Sinngebung ist nun eine eigenständige geistige und kulturelle Leistung der Menschen, die ihre Überzeugungskraft nicht mehr aus religiösen Heilslehren gewinnen kann, auch nicht aus deren säkularen Varianten, den politischen Religionen.

Warum spielen religiöse Glaubenssysteme auch in den westlich geprägten Gesellschaften, die den Prozeß der Aufklärung durchlaufen haben, weiterhin eine erhebliche Rolle? Sie befriedigen psychische Bedürfnisse.

Sinngebung und Trost bei Schicksalsschlägen, göttliche Vorsehung oder scheinbare geschichtliche Notwendigkeit, ideologisch begründete moralische Überlegenheit, ausgleichende Gerechtigkeit in einem Jenseits, ein Weiterleben nach dem Tod oder eine über den Tod hinausreichende persönliche Bedeutsamkeit als religiöser Märtyrer oder ideologischer Wegbereiter sind und bleiben attraktive Vorstellungen, von denen sich ein erheblicher Teil der Menschen vielleicht niemals lösen wird.

Zudem bieten die Religionen weltanschauliche Selbstvergewisserung und sozialen Zusammenhalt in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Gemeinsame Rituale und Feiern und die verschiedensten anderen sozialen Aktivitäten wirken der Vereinzelung und Vereinsamung entgegen. Hilfsmaßnahmen im Rahmen religiöser Organisationsstrukturen erfüllen den Wunsch, anderen Menschen zu helfen. All dies ist auch durch säkulare Organisationen möglich. Die Religionsgemeinschaften sind jedoch oftmals organisatorisch stabiler und zeichnen sich durchflächendeckende regelmäßige Termine und Aktivitäten in ihrem Verbreitungsbereich aus. Außerdem besteht bei konfessionslosen Menschen mit einer säkularen Lebensorientierung offensichtlich ein geringeres Bedürfnis, Aktivitäten in einer Weltanschauungs-gemeinschaft zu entwickeln oder hieran teilzunehmen. Dies führt dazu, daß säkulare Lebensorientierungen im gesellschaftlichen Leben weniger in Erscheinung treten, als es ihrer Verbreitung in der Bevölkerung entspricht.

Mit vielen religiösen Lebensorientierungen können sich alle Bürger moderner, pluralistischer Gesellschaften gut arrangieren. Dies gelingt immer dann, wenn die religiösen Menschen in ihrer überwiegenden Mehrheit die Haltung der Toleranz soweit akzeptiert haben, daß sie ihren Mitbürgern zubilligen, nach anderen weltanschaulichen Orientierungen zu leben.

Zwar ist die religiösen Überzeugung oft mit einem absoluten Wahrheits-anspruch verbunden. Deshalb fällt es religiösen Menschen schwerer, andere ihr Leben nach deren Überzeugungen gestalten zu lassen. Wenn es etwa um Fragen wie Schwangerschaftsabbruch oder selbstbestimmtes Sterben geht, sollen sich alle an religiös motivierte Grenzziehungen halten. Für diese Normen wird dann in säkularer Verkleidung argumentiert, um sie auch denjenigen nahezubringen, die eine religiös begründete Argumentation nicht nachvollziehen können.

Durch Traditionen, das größere Sendungsbewußtsein und den besseren Organisationsgrad der religiös Überzeugten hat religiös geprägtes Denken im rechtlichen und politischen Prozeß auch in den pluralistischen Demokratien immer noch einen überproportionalen Einfluß. Dies kann säkulare Menschen, die sich an autonomen Wertabwägungen orientieren, in ihrer Lebensgestaltung im Einzelfall schwerwiegend beeinträchtigen. Diese Beeinträchtigungen fallen jedoch in einer pluralistischen Demokratie vergleichsweise gering aus und können in einem friedlichen demokratischen Prozeß allmählich weiterabgebaut werden. Wie man zum Beispiel an der Anerkennung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare sieht, kommen Veränderungen, die Freiheit erhöhen und ideologisch bedingte Diskriminierungen abbauen, dann nach jahrelangen Diskussionen manchmal überraschend schnell zustande.

Problematisch sind dogmatische, politisch aggressive Religionen, denen jegliche Relativierung ihrer Geltungsansprüche fernliegt und die eine unbedingte Dominanz ihrer religiösen Anschauungen für die ganze Gesellschaft beanspruchen. Die Geschichte demonstriert uns wieder und wieder, daß das Potential für derartige totalitäre Ansprüche in jeder transzendentalen und säkularen Religion steckt und eine Gewalttätigkeit freisetzen kann, die bis zum Massenmord reicht. Auch Religionen, die im allgemeinen relativ friedfertig auftreten, wie der Buddhismus, sind hiergegen nicht gefeit.

Die größten Probleme in globalem Maßstab durch aggressive Intoleranz verursacht derzeit der Islam. Wie alle anderen religiösen Grundlagenschriften ist der Koran ein Text, der von Menschen in einer bestimmten historischen Situation verfaßt wurde. Der Inhalt solcher Texte ist aus der jeweiligen Situation heraus zu verstehen. Man sieht dies im konkreten Beispiel bereits an den Unterschieden, die zwischen den auf Mohammeds Lebensperioden in Medina und in Mekka zurückgehenden Teilen des Korans bestehen. Der Text des Korans entstand in einem langwierigen Prozeß, dessen Einzelheiten Gegenstand historischer Forschung sind. Die Textgestalt wurde dabei immer wieder durch politisch motivierte Anordnungen beeinflußt. In ihrer heute in der muslimischen Welt überwiegend anerkannten Version geht sie auf eine Veröffentlichung der al-Azhar-Universität in Kairo 1924 zurück.

Der Koran in dieser Fassung wird in der muslimischen Welt mehrheitlich als unmittelbar zu befolgende göttliche Offenbarung betrachtet. Dagegen ist In der christlichen Welt heutzutage eine historisch-kritische Betrachtungsweise der Bibel wissenschaftlicher Standard und dies prägt in hohem Maße auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung. Es eröffnet die Möglichkeit, den Text nicht als unmittelbare Handlungsanweisung zu verstehen, sondern ihn durch Interpretation an die Bedingungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Eine historisch-kritische Betrachtungsweise des Korans kann demgegenüber bisher fast ausnahmslos nur außerhalb der islamischen Welt stattfinden.

Aus dieser Situation ergibt sich die religiöse Intoleranz der muslimischen Gesellschaften und Staaten. Leider ist es unwahr, daß der islamistische Terrorismus nichts mit dem Islam zu tun hat. Er ist vielmehr die extremste Ausprägung der islamischen Intoleranz.

Wo in der islamischen Welt gibt es Religionsfreiheit? Religionsfreiheit, die diesen Namen wirklich verdient, bedeutet, daß die friedliche Ausübung jeder Religion uneingeschränkt möglich ist und jedenfalls in der staatlich verantworteten Erziehung religiöse Toleranz gelehrt wird. Religionsfreiheit bedeutet, daß alle Religionen öffentlich für sich werben und Kult- und Versammlungsstätten errichten können. Sie bedeutet, daß Angehörige der verschiedensten Religionen selbstverständlich miteinander und auch mit Konfessionslosen oder erklärten Atheisten eine zivile Ehe eingehen können.

Religionen mögen die Gleichberechtigung von Mann und Frau ablehnen. Sie mögen gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen und Lebensgemeinschaften als unmoralisch betrachten. Wenn sie jedoch eine politische Dominanz beanspruchen, die derartige Anschauungen zum Maßstab der Rechtsordnung und des staatlichen Handelns machen will, so ist dies im 21. Jahrhundert überall auf der Welt inakzeptabel.

Wie gehen wir mit intoleranten Religionen um? Wie gehen wir mit dem Islam als dem derzeit global problematischsten Beispiel einer solchen Religion um?

Beginnen wir mit einer alltäglichen Wahrnehmung. Was wollen uns Muslime und Musliminnen sagen, wenn sie darauf bestehen, daß sich Frauen vom Kopftuch bis zu weitergehenden Verhüllungen in der Öffentlichkeit an die islamische Kleiderordnung halten? Ich meine nicht die Musliminnen aus ländlichen Religionen, für die diese Kleiderordnung noch eine selbstverständliche, traditionelle Gewohnheit ist. Die Frage richtet sich an städtische Muslimminen und Muslime und sie sollte verstanden werden als eine höfliche Anfrage und eine Anregung über den Sinn und die Botschaft der islamischen Kleiderordnung in der heutigen Zeit nachzudenken. (ohne daß jemand hierzu Stellung nehmen muß, wenn er nicht Kinder an einer öffentlichen Schule unterrichten oder eine vergleichbare gesellschaftliche Funktion einnehmen will).

Das islamische Kopftuch und in noch stärkerem Maße die weitreichenderen Verhüllungen von Frauen sind in der derzeitigen Situation kein harmloses Symbol religiöser und kultureller Zugehörigkeit. Ihre theologische Rechtfertigung ist auch bei einer islamimmanenten Denkweise dünn. Die Verhüllung von Frauen hat mit zentralen Anliegen der islamischen Religion ebenso wenig zu tun, wie der Zölibat mit dem Kerngehalt des Christentums. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt die Verhüllung von Frauen, in welchem Ausmaß auch immer, in den städtischen Regionen vieler islamischer Staaten keineswegs als religiöse Pflicht. Was also soll sie zum Ausdruck bringen? Die Befürwortung einer konservativen, unkritischen Interpretation der islamischen Religion? Wohlanständigkeit als Schutz gegen männliche Begehrlichkeiten und Übergriffe? Sollten da nicht besser die Männer dazu erzogen werden, Frauen unabhängig von deren Bekleidungsvorlieben als gleichberechtigte Menschen zu respektieren? Das Kopftuch als Zeichen islamischer Identität wird man erst wieder unbefangen tragen können, wenn Frauen in der islamischen Welt nicht mehr wegen der Einhaltung von Kleidungsvorschriften drangsaliert, bedroht und angegriffen werden. Daß die muslimischen Frauen in der westlichen Welt nicht ebenfalls erheblichem sozialem Gruppendruck ausgesetzt sind und sich durchwegs freiwillig islamischen Kleidungsvorschriften unterwerfen, darf zudem sehr bezweifelt werden.

  Zum Thema Kopftuch empfehle ich den ausgezeichneten Artikel von Kacem El Ghazzali:

https://www.nzz.ch/feuilleton/islamisches-kopftuch-kein-symbol-fuer-selbstbestimmung-ld.1321150

Die vielfältigen Probleme mit dem Islam machen auch verschärft deutlich, daß konfessioneller Religionsunterricht an staatlichen Schulen ein Anachronismus ist. Aufgabe der Schulen ist es, sich in einem an allen staatlichen und privaten Schulen verpflichtenden Lehrfach aus der Perspektive von Außenstehenden mit den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen zu beschäftigen und die Schüler nach besten Kräften zu weltanschaulich kritikfähigen Menschen zu erziehen.

Religiöser Fanatismus gewinnt durch soziale Perspektivlosigkeit an Attraktivität. Insbesondere in der Phase jugendlicher Begeisterungsfähigkeit hat sich aber leider auch eine relativ gute soziale Integration nicht als unbedingter Schutz hiergegen erwiesen. Das Recht auf Meinungsfreiheit rechtfertigt es nicht, fundamentalistische Religiosität und dogmatische Ideologiegläubigkeit jeglicher Ausprägung Im gesellschaftlichen Alltag und in der Erziehung als Privatsache anzusehen werden und sie resignativ oder distanziert hinzunehmen, statt sie aktiv zu kritisieren. Religionen haben auch blasphemische Kritik und Verspottung zu tolerieren. Wenn hierdurch allerdings lebensbedrohliche Gewalt angestoßen wird, kann der Verzicht auf derartige Provokationen besser sein. Die „Schere im Kopf“ ist nicht die Schande derjenigen, die sie im Kopf haben, sondern die Schande derjenigen, die sie ihnen aufgezwungen haben. Daß Mohammed-Karikaturen lebensgefährlich sind, ist eine Schande für die muslimische Welt. Wenn sie der Karikaturist deswegen unterläßt, ist dies keine Schande für ihn.

 

Moral

Moral ist eine menschliche Kulturleistung, die durch die Freiheitsgrade möglich und notwendig geworden ist, die dem Menschen infolge seines komplexen Gehirns zugewachsen sind. Da wir Menschen Entscheidungen treffen und da wir in diesen Entscheidungen durch Erziehung und Appelle, durch moralische Überlegungen und durch Prinzipien beeinflußbar sind, ist die Frage, welches Ausmaß an Willensfreiheit wir besitzen, von beschränkter Bedeutung für die Moral.

Moral ist nichts Absolutes oder Statisches. Andererseits sollten wir geschichtliche Erfahrungen hinsichtlich dessen, was dem Menschen möglich und angemessen ist, nicht ignorieren. Nicht nur die Sorge für andere, sondern auch die Sorge für sich selbst, hat moralischen Wert.

Trotz aller Rückfälle gibt es in der Geschichte der Menschheit moralischen Fortschritt.

In den modernen, freiheitlichen, pluralistischen Rechtsstaaten hat die Toleranz gegenüber den unterschiedlichsten Anschauungen und Formern der Lebensführung ein weit höheres Maß erreicht als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Während moralische Verpflichtungen einst nur im Nahbereich galten, kann heute kein Zweifel an der prinzipiell universellen Geltung moralischer Ansprüche und Verpflichtungen mehr bestehen, wie unvollkommen diese auch nach wie vor eingelöst werden. Zwar ist es gleichermaßen eine psychologische Tatsache wie eine Frage der Praktikabilität, daß uns moralische Verpflichtungen mit zunehmender Nähe stärker und bindender erscheinen. In den bedeutendsten Kodifizierungen und Deklarationen moralischer Verpflichtungen steckt jedoch der Anspruch der universellen Gültigkeit, seien es nun die Goldene Regel in ihren verschiedenen positiven und negativen Formulierungen oder die Zehn Gebote. Die universelle Gültigkeit grundlegender Normen kann über mehr oder weniger lange Zeiträume mißachtet werden, wie etwa durch den Sklavenhandel, die Rassensegregation in den U.S.A., die Apartheid in Südafrika, den Antisemitismus, das indische Kastenwesen und die vielen, immer neu auftretenden, menschenverachtenden Diktaturen. Irgendwann jedoch überwinden die Menschen diese moralisch unhaltbaren Zustände, welche Opfer es auch kosten mag.

 

Recht

Recht ist eine Kulturleistung der Menschheit, die dazu dient, Konflikte in geordneter Weise zu regeln und auf diese Weise unkontrollierte und allgegenwärtige Gewaltanwendung zu vermeiden. Im Recht sollte sich eine soziale Minimalmoral manifestieren, auf die die Gesellschaft nicht verzichten kann und zu deren Bewahrung und Einhaltung sie zur Anwendung von Sanktionen bereit ist.

Das Recht sollte allen Bürgern eine gleichberechtigte Abwägung ihrer Interessen garantieren, unabhängig von Geschlecht, Weltanschauung und der Zugehörigkeit zu ethnischen und sozialen Gruppen. Dies bedeutet auch, daß für die Inanspruchnahme des Rechtssystems keine finanziellen Hürden errichtet werden dürfen, die es den Bürgern de facto unmöglich machen, eine rechtliche Klärung von Konflikten herbeizuführen.

Recht kann in autokratischen und diktatorischen Staatssystemen mißbraucht werden, um die Menschen unveräußerlicher Rechte zu berauben, sie zu disziplinieren und zu unterdrücken.

Seit die Menschen den Kanon an Menschen- und Bürgerrechten entwickelt haben, der sich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und den Verfassungen der pluralistischen Demokratien findet, sind konkrete Rechtssetzungen ungültig und moralisch unverbindlich, wenn sie gegen diesen Maßstab verstoßen. Jeder Mensch ist dann berechtigt, derartige Rechtssetzungen zu mißachten und Widerstand gegen ihre Anwendung zu leisten. Sie sind auch rückwirkend ungültig.

 

Staat

Insbesondere seit dem Zeitalter der Aufklärung wurde im westlichen Kulturkreis eine wesentliche kulturelle Errungenschaft der Menschheit geschaffen: der freiheitliche, pluralistische Rechtsstaat. Er ist durch die Trennung und weitgehende Unabhängigkeit von Exekutive, Legislative und Judikative und die Garantie von Menschen- und Bürgerrechten gekennzeichnet.

Diese Errungenschaft ist ein unveräußerliches Kulturgut der Menschheit. Sie ist selbst dort immer wieder gefährdet, wo sie die längste Tradition hat und von stabilen verläßlichen Institutionen verteidigt wird. Jeder Mensch hat das Recht, überall auf der Welt für den freiheitlichen, pluralistischen Rechtsstaat einzutreten. Jeder Mensch hat das Recht, gegen autoritäre Regime, die seine Einführung verhindern wollen oder gegen autoritäre politische Bewegungen, die ihn abschaffen wollen, Widerstand zu leisten. Auch die Ermächtigung oder Selbstermächtigung durch eine tatsächliche oder behauptete Mehrheit, rechtfertigt kein Zurück hinter diese Errungenschaft. Welche Form des Widerstands gegen derartige Bestrebungen gerechtfertigt ist, richtet sich nach dem mehr oder weniger großen Rechts- oder Unrechtscharakter der aktuellen staatlichen Ordnung und nach den zu erwartenden Konsequenzen der möglichen Formen des Widerstands.

Ein weiterer wesentlicher kultureller Fortschritt sind Bundesstaaten und Staatenbündnisse, insbesondere wenn sie aus freiheitlichen, pluralistischen Rechtsstaaten bestehen. Sie sichern den Frieden und können Freizügigkeit und einen möglichst ungehinderten wirtschaftlichen Austausch gewährleisten. Wenn dabei das Prinzip der Subsidiarität mißachtet wird und eine Überbürokratisierung mit unangemessener Bevormundung von oben nach unten entsteht, gerät diese Organisationsstruktur in Gefahr. Regionaler Separatismus und nationale Abschottung und Kleinstaaterei sind jedoch die falsche Antwort auf derartige Probleme. Diese sollten stattdessen durch regionale Autonomie in vernünftigem Umfang und Reformen der übergeordneten staatlichen Strukturen angegangen werden.

Staatenbündnisse demokratischer Staaten brauchen ein konsequentes, eskalierbares und auch wider deeskalierbares Repertoire von politischen Sanktionen gegen Mitglieder, die hinter die Grundprinzipien des freiheitlichen, pluralistischen Rechtsstaats zurückfallen.

 

Gesellschaft

Die Bewertung einer Gesellschaftsform beginnt mit der Frage, ob sie in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen und zwar die grundlegenden Bedürfnisse aller oder – bei einem unausweichlichen Mißverhältnis zwischen der Zahl der Menschen und den verfügbaren Ressourcen – zumindest die einer möglichst großen Zahl.

Gelingt dies nicht, ist die wirtschaftliche Gleichheit offensichtlich unzureichend. Die Forderung nach unbedingter wirtschaftlicher Gleichheit steht dagegen im Widerspruch zu der Tatsache, daß die Menschen auch an Fähigkeiten und Ansprüchen nicht gleich sind. Zudem lehrt die Geschichte, daß immer dann, wenn wirtschaftliche Gleichheit als vorrangiges Ziel angestrebt oder vorgeschoben wird, Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Freiheit unterdrückt werden, es den meisten Menschen schlecht geht und nur neue Formen der Oligarchie und Autokratie errichtet werden.

Gleichheit an Rechten, Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche Ansprüche auf gesellschaftliche Positionen und möglichst große Chancengleichheit, diese auch zu erreichen – diese Form der Gleichheit ist dagegen ein wesentliches und unzweideutig anstrebenswertes Ziel.

 

Geschichte

Die Geschichte ist ein offener Prozeß mit ungewissen Ergebnissen. Sie kann die Menschen zu globaler Demokratie und zu globalem Wohlstand führen, aber auch zu einer globalen Diktatur und langfristigen, extremen wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten. Sie kann zu einer dauerhaften, wenn auch nicht ewigen Sicherung der menschlichen Lebensgrundlagen auf unserer Erde führen oder aber zur Selbstvernichtung der Menschheit, lange bevor kosmische Veränderungen die Erde unbewohnbar machen. Daß die Menschheit es trotz ihrer Schwächen und Grausamkeiten bis hierher geschafft hat, zeugt davon, daß wir Menschen auch viele Talente und positive Eigenschaften haben, garantiert aber nicht, daß wir auch weiter überleben und die Zukunft erfolgreich und mit Anstand bewältigen werden. Was passiert, liegt an uns allen, nicht an göttlichen Plänen, nicht an zwangsläufigen geschichtlichen Gesetzen und Mechanismen.

 

Natur

Aufgrund eines relativ unwahrscheinlichen Zusammentreffens einer Vielzahl günstiger Bedingungen ist auf unserer Erde menschliches Leben möglich geworden. Vielleicht sind damit die einzigen Beobachter des kosmischen Geschehens entstanden. Zumindest ist es aufgrund der kosmischen Raum-Zeit-Verhältnisse sehr unwahrscheinlich, daß Beobachter des kosmischen Geschehens in verschiedenen Regionen des Kosmos, so es sie denn mehrfach geben sollte, jemals zu einer Kommunikation innerhalb der kulturellen, geschweige denn der individuellen Lebenszeit dieser Beobachter in der Lage sein könnten.

Hinweise auf eine kosmische Instanz, die an der Existenz der Menschheit oder gar einzelner Menschen Anteil nimmt oder ein Interesse hieran hat, gibt es nicht.

Die Natur kennt keinerlei moralische Kriterien, abgesehen von denjenigen, die mit der Natur- und Kulturgeschichte von Lebewesen mit einem hochentwickelten Gehirn, wie dem des Menschen, in die Welt gekommen sind. So ist auch Gerechtigkeit ein Konzept, das in der außermenschlichen Natur nicht vorkommt. Manche Menschen sterben nach einem kurzen Leben an Krankheiten, Unfällen oder Gewalttaten. Dies ist nicht die Folge des Wirkens geheimnisvoller Schicksalsmächte und metaphysischer Wesen, es ist einfach nur Pech.

Da die Natur unsere Existenz nur ermöglicht, es aber keine Instanz gibt, die ein Interesse an uns Menschen hat, können wir uns auch nicht darauf verlassen, daß die Natur dauerhaft Bedingungen bereitstellt, die unsere weitere Existenz ermöglichen. Die Menschheit war in ihrem Fortbestand wiederholt gefährdet. Sie wurde im vulkanischen Winter vor etwa 74 000 Jahren wahrscheinlich bis auf wenige tausend Individuen reduziert und wäre beinahe ausgestorben. Große Vulkanausbrüche oder Asteroiden-Einschläge könnten auch unter modernen Kulturbedingungen eine vergleichbare Katastrophensituation verursachen. Nicht gegen jede Naturkatastrophe großen Ausmaßes können wir mit Erfolg bestehen. Wir können jedoch unsere Ressourcen zur bestmöglichen Abwehr derartiger Gefahren einsetzen und uns etwa mit dem Schutz vor Asteroiden beschäftigen, statt sie für ein so unsinniges Projekt wie eine Kolonie auf dem lebensfeindlichen Mars zu vergeuden.

Andere Risiken sind allerdings sehr viel konkreter absehbar. Wenn wir die übermäßige Vermehrung der Menschheit nicht in den Griff bekommen und nicht zusehends intelligenter wirtschaften, können wir durch eine Natur-Kultur-Katastrophe auch selbstverschuldet unsere eigene Existenz gefährden. Intelligent genug werden wir nur dann wirtschaften, wenn wir der außermenschlichen Natur und insbesondere nichtmenschlichem Leben einen eigenständigen Wert beimessen, die vom Menschen unbeeinflußte Natur jedoch nicht verherrlichen.

Es steckt mehr Klugheit in der Aufforderung, die Menschen sollten sich die Erde untertan machen, als es der heutige Zeitgeist wahrhaben will. Kulturelle Leistungen sind das entscheidende Überlebensrezept der Menschheit. Hierzu gehören, neben vielem anderen, die Zuchterfolge in Ackerbau und Viehzucht. Heutzutage kann man hierbei mit gentechnischen Mitteln schnellere und gezieltere Ergebnisse erzielen. Eine Fundamentalopposition gegen derartige Verfahren ist irrational und bedeutet eine widersinnige Distanzierung von unserer kulturellen Tradition.

Die Glorifizierung eines möglichst geringen ökologischen Fußabdrucks ist nicht zu Ende gedacht. Kaum jemand aus einer modernen Gesellschaft würde ernsthaft unter den Bedingungen eines Naturvolks leben wollen. Wir würden zu Recht weder die Lebenserwartung noch die Versorgung im Falle schwerwiegender Erkrankungen akzeptabel finden. Und sobald erst einmal der Weg zur modernen Zivilisation beschritten ist, ist der bestmögliche Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen nur durch eine zunehmend intelligentere technische und gesellschaftliche Organisation zu erreichen. Entwicklungs- und Schwellenländer, die noch damit kämpfen, die Grundbedürfnisse erheblicher Teile der Bevölkerung befriedigen zu können, sind verständlicherweise hierzu nicht in der Lage. Deswegen macht auch eine Selbstbezichtigung hochentwickelter Wohlfahrtsstaaten als Umweltsünder keinen Sinn. Es ist augenfällig, daß nur diese den bestmöglichen Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen unter den Bedingungen einer relativ hohen Bevölkerungsdichte gewährleisten können. Andererseits handeln solche Staaten umweltpolitisch unverantwortlich, sobald sie, um ihren eigenen, strengen Standards zu genügen beziehungsweise diesen auszuweichen, umweltbelastende Produktionsverfahren in Länder mit geringeren Standards auslagern. Verlagerungen problematischer Produktionen sollten politisch nur akzeptiert werden, wenn dabei gleichwertige Schutzstandards bei Arbeits- und Umweltschutz gewährleistet werden.

Kulturleistungen aller Art erfordern Energie- und Ressourcenverbrauch. Die Konsequenz hieraus sollte nicht in einer bevormundenden, asketischen Gesellschaft liegen. Stattdessen sollten wir daran arbeiten, das Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen, unsinnige Ressourcenverschwendung zu vermeiden und intelligenter und effizienter zu wirtschaften.

 

Wissenschaft

Wissenschaft ist systematisches Streben nach Erkenntnis, daß sich an Logik, Beobachtung und der dem Gegenstand angemessenen größtmöglichen Einfachheit orientiert. Wissenschaft kennt Prinzipien, aber keine Dogmen. Wissenschaftliche Annahmen werden – wenn auch bisweilen mit Verzögerung und gegen erhebliche Widerstände – revidiert, wenn gute Gründe hierfür vorgebracht werden.

Wir verdanken es der Wissenschaft, daß wir eine realistische Vorstellung von unserer Position als Menschen haben. Dies gilt für die kosmischen Dimensionen und ebenso für die biologische und kulturelle Entwicklung auf der Erde.

Wir verdanken es der Wissenschaft, wenn wir heute länger leben und unsere Leiden besser beheben oder lindern können als früher.

Kritik an Behauptungen und Kritik an Erkenntnisinteressen oder Arbeits-abläufen der Wissenschaft gehört zu dieser selbst und zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit ihr. Diese Kritik rechtfertigt nicht die Verweigerung wissenschaftlichen Denkens und die Unterdrückung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Unkritisches Denken und Wissenschaftsfeindlichkeit sind mit individuellen und politischen Gefahren verbunden und führen in vielfacher Weise zu negativen moralischen Konsequenzen.

Impfgegner machen sich der fahrlässigen Körperverletzung schuldig, wenn ihre Kinder aufgrund des fehlenden Schutzes erkranken, dauerhafte Schäden erleiden oder gar sterben. Organspendeverweigerer stellen unbegründete diffuse Ängste oder nachrangige Pietätsüberlegungen über Gesundheit und Leben anderer Menschen. Politiker, die aus religiösen Gründen die Evolutionstheorie aus dem Schulunterricht verbannen oder geschichtliche Fakten fälschen oder durch einseitige Darstellung deformieren, machen sich der arglistigen Täuschung schuldig und erschweren es den Menschen, ihren Platz in der Natur- und Kulturgeschichte angemessen einzuschätzen. Wer sich einer realistischen Bestandaufnahme der Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt verweigert, trägt zur Gefährdung der Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit bei.

 

Sinn

Sinn ist ein menschliches Konzept. Die Natur und alle anderen Lebewesen existieren. Die Menschen können ihrem Leben einen Sinn geben, der über ihre bloße Existenz hinausgeht. Das kann anständig oder großartig sein, aber auch abstoßend oder bedrohlich. Manchmal wäre es besser, die Menschen würden den Sinn ihres Lebens mehr in den grundlegenden Ereignissen und den einfachen Freuden finden, die das Leben bereithält.

Solange man nicht von einem unerträglichen Leiden belastet wird oder unter einem fortgeschritten körperlichen oder geistigen Abbau leidet, sollte man in der Lage sein, seinem Leben einen Sinn zu geben

Wenn Sinngebung etwa bedeutet, sich liebevoll um die eigene Familie zu kümmern und eine nützliche Aufgabe in der Gesellschaft zu erfüllen, so ist dies anständig. Hervorragende wissenschaftliche, künstlerische oder humanitäre Leistungen oder gar die Aufopferung für andere Menschen oder für eine freiheitliche, rechtsstaatliche Gesellschaft sind großartig. Man muß das Anständige und das Großartige nicht gegeneinander ausspielen, beides ist der Mühe wert, beides macht uns Menschen aus und unser Dasein lebenswert.

Wenden wir uns gegen das Unanständige und das Zerstörerische. Andere Menschen im privaten oder sozialen Bereich herabzusetzen, zu quälen und zu tyrannisieren, ist abstoßend. Das von allen moralischen Restriktionen befreiende Sendungsbewußtsein, die Sinngebung eines religiösen und ideologischen Fanatismus, und das rücksichtslose Machtstreben sind bedrohlich und zerstörerisch.

 

Tod

Wir Menschen können über unser individuelles Leben hinausdenken und dies läßt uns die Vorstellung verführerisch erscheinen, auch unsere geistige Existenz müsse über unsere Lebensspanne hinausreichen. Daß diese nicht von unserer körperlichen Existenz zu trennen ist und mit ihr zugrunde geht, stellt einen schwer zu akzeptierenden Affront dar. Es gibt jedoch keinerlei überzeugende Hinweise darauf, daß die Idee einer unsterblichen Seele mehr sein könnte als eine tröstliche Illusion.

Nach unserem Tod bleibt die Erinnerung anderer Menschen an uns und über individuelle Erinnerungen hinaus bleibt das, was wir von unserem geistigen Leben auf Informationsträgern hinterlassen konnten, die andere Menschen entschlüsseln und verstehen können. Es bleiben – von klein bis groß, von großartig bis schrecklich – die Spuren, die wir in der sozialen, kulturellen und politischen Geschichte hinterlassen. Niemand kann sich nach seinem Tod an diesen Spuren freuen oder ihrer schämen. Dennoch beschäftigen wir uns mit dem, was andere Menschen später von uns und unserem Leben halten werden. Oft geht davon ein positiver moralischer Einfluß aus. Leider finden aber einige von uns auch Befriedigung daran, durch monströse Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen oder herausragende Greueltaten in Erinnerung zu bleiben.

Im kosmischen Maßstab ist die gesamte geistige Existenz der Menschheit als ein flüchtiges Auftreten bewußter Existenz in einem ansonsten möglicherweise bewußtseinslosen Kosmos zu betrachten.

Den Tod muß man nicht herbeiwünschen, solange sich sinnvolle Perspektiven für das weitere Leben finden lassen. Ist die individuelle Lebenssituation aussichtslos geworden ist, muß man das Leben aber auch nicht als schicksalshafte Last ertragen, der man kein Ende setzen darf.

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Sterbefasten – individueller Weg selbstbestimmten Sterbens, aber auch Ausweg, Notlösung und gewaltloser Widerstand angesichts paternalistischer Bevormundung des Sterbens

Daß ein selbstbestimmtes Sterben durch „Sterbefasten“, also den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) möglich ist, ist keine Neuigkeit und in vielerlei Varianten in den verschiedensten Zeitaltern und Kulturen immer wieder praktiziert worden. Viel zu wenig bekannt ist jedoch, daß die sozialen, pflegerischen, ärztlichen, moralischen und rechtlichen Aspekte dieser Methode selbstbestimmten Sterbens inzwischen systematisch untersucht worden sind und daß sie bei fachkundiger Begleitung eine durchaus humane, sozial eingebettete Art und Weise darstellen kann, sich aus einem unerträglich gewordenen Leben zu verabschieden. Das verdienstvolle, inzwischen in 4. Auflage erschienene Buch von Boudewijn Chabot und Christian Walther „Ausweg am Lebensende. Sterbefasten – Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken“ informiert hierüber umfassend und ausgewogen. Eine Kurzfassung der wesentlichen Aspekte des Sterbefastens gibt Christian Walther hier: https://www.taz.de/!5310404/.

FVNF sollte in der ambulanten und stationären Sterbebegleitung, Hospizarbeit und Palliativmedizin ein allgemein anerkanntes Verfahren werden, über das diejenigen Menschen, die um Hilfe bei einem selbstbestimmten Sterben bitten, in kompetenter Weise informiert werden.

In Ländern, die den Zugang zu lebensbeendenden Medikamenten unter bestimmten Voraussetzungen erlauben, wie den Niederlanden, könnte ein über mehrere Tage durchgehaltener FVNF zudem helfen, auch solchen aus gut nachvollziehbaren Gründen Sterbewilligen den Zugang zu diesen Medikamenten zu ermöglichen, die bisher durch das Raster der entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen fallen, weil sie aufgrund einer fortschreitenden Gebrechlichkeit und vielfacher in ihrer Summe stark beeinträchtigender Altersbeschwerden ihr Leben beenden möchten, jedoch nicht an einer binnem kurzem zum Tode führenden oder mit unerträglichen Schmerzen verbundenen Erkrankung leiden.

Sterbefasten kann jedoch nicht die alleinige Lösung der Sterbehilfeproblematik sein. Auch wenn ein angekündigter und sich über einen Zeitraum von in der Regel 2 -3 Wochen erstreckender Sterbeprozeß ein sinnvoller, humaner Abschied sein kann, wird nicht jeder aus nachvollziehbaren Gründen Sterbewillige seine Sterbeabsicht im voraus mit seinen Angehörigen und institutionellen Helfern diskutieren können und wollen und nicht jeder wird den mit dem FVNF verbundenen verzögerten Sterbeprozeß durchmachen wollen, bei dem er obendrein am Ende doch nicht über den genauen Zeitpunkt seines Todes bestimmen kann.

Wo aber in großen Teilen des Sozialsystems und im Rechtssystem weiterhin eine paternalistische Bevormundung des Sterbens vorherrscht, wie etwa in Deutschland, kann das Sterbefasten auch für denjenigen ein Ausweg im Sinne einer Notlösung sein, der unteren anderen Umständen eine raschere Form des selbstbestimmten Sterbens bevorzugen würde.

Für manche Menschen aber ist dieser Weg aus dem Leben nicht von den gesellschaftlichen Umständen erzwungen, sondern ihre ganz persönliche Wahl, der Weg, der ihnen gemäß ist:

Sterbefasten – Freiheit zum Tod. Eine Dokumentation über den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit von Marion M., DVD, Medienprojekt Wuppertal 2013.

Ein Gedenken an einen beeindruckenden Menschen, eine ungewöhnlich starke Persönlichkeit. Aber auch außerordentlich in vielerlei sonstiger Hinsicht, angefangen von der höchst ungewöhnlichen Erkrankung bis hin zum minimalem pflegerischen Aufwand und dem Ausmaß an Selbstkontrolle bis kurz vor dem Tod. Und so eindrucksvoll dieser individuelle Abschied aus dem Leben ist, so wenig darf man daraus schließen, daß die Beendigung des Lebens durch Sterbefasten immer mit so viel Glück im Unglück einhergehen wird.

 

Selbstbestimmtes Sterben – gesetzgeberischer Kunstfehler im Bundestag

Entgegen den mehrheitlichen Wünschen der Bevölkerung und der Entwicklung in vielen anderen modernen demokratischen Staaten, erschweren reaktionäre Kräfte in der deutschen Politik mit der am 6. November 2015 vom Bundestag beschlossenen Strafrechtsänderung in Deutschland das selbstbestimmte Sterben. Eine prägnante und fundierte Kritik dieser gesetzgeberischen Fehlleistung hat der an der  Universität Halle lehrende Straf- und Medizinrechtler Henning Rosenau im Bayerischen Ärzteblatt veröffentlicht:

Ethik in der Medizin Rosenau: § 217 Strafgesetzbuch – Neue Strafnorm gegen ein selbstbestimmtes Sterben in Deutschland
Ausgabe März (3) 2016, Seite 100
 http://www.bayerisches-aerzteblatt.de/archiv.html?tx_aerzteblatt_ausgabenuebersicht[idBaebl]=931&tx_aerzteblatt_ausgabenuebersicht[action]=details&tx_aerzteblatt_ausgabenuebersicht[controller]=Ausgabe&cHash=2fee6fd567777fdd038ec29f820609c7

Zu Inhalt und Aufgaben eines zeitgemäßen säkularen Humanismus

Hierzu empfehle ich den folgenden Artikel von Christian Walther. Der Inhalt ist von grundsätzlicher Bedeutung und betrifft keineswegs nur den unmittelbaren Adressaten, den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD).

http://www.humanismus-aktuell.de/sites/humanismus-aktuell.de/files/medien/pdfs/text_15_walther_humanismus_koennte_einfach_sein.pdf

(Islamischer) Religionsunterricht: ein überholtes Schulfach als falsche Antwort auf religiösen Fanatismus

In der deutschen Politik herrscht gegenwärtig parteiübergreifende Begeisterung für die Einführung und den Ausbau eines islamischen Religionsunterrichts. Auf den ersten Blick erscheint dies nicht so abwegig: Man erhofft sich eine staatliche Kontrolle über die Inhalte und eine Entwicklung zu relativer Toleranz, wie sie die christlichen Kirchen und ihr Religionsunterricht durchlaufen haben. Aber kann es wirklich angehen, daß eine zunehmend säkulare Gesellschaft, in der die konfessionslosen Bürger einen jährlich steigenden Anteil von inzwischen etwa einem Drittel erreicht haben, den konfessionellen Religonsunterricht um eine weitere Religion „bereichert“ und hierfür erhebliche Ressourcen für universitäre Ausbildung und Lehrpersonal bereitstellt? Es sollte vielmehr endlich ein flächendeckender staatlicher Unterricht in Weltanschauungskunde und Lebensgestaltung als ordentliches Lehrfach statt des Religionsunterichts eingeführt werden. § 7 Absatz 3 des Grundgesetzes ist in seiner jetzigen Form eines Schutzparagraphen für den Religionsunterricht ein Anachronismus. Der Religionsunterricht – welcher Konfession auch immer – gehört in die „private“, konfessionell verantwortete und finanzierte „Sonntagsschule“. Besonders abwegig erscheint die derzeit nahezu unisono geäußerte Begeisterung für einen islamischen Religionsunterricht als schulisches Lehrfach, wenn man bedenkt, wie zögerlich und unzureichend (wenn auch von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich und mit deutlichem Nord-/Süd- bzw. Ost-/West-Gefälle) die verschiedenen staatlichen Ethik- und Philosophieunterrichtsangebote ausgebaut und finanziert werden (in manchen Bundesländern – wie Bayern – ist eher der Ausdruck „torpediert werden“ angemessen). Was uns fehlt, ist ein flächendeckend eingeführtes, verpflichtendes Unterrichtsfach, in dem alle Weltanschauungen und Religionen einer kritischen Betrachtung unterzogen werden und ganz allgemein kritisches und wissenschaftliches Denken gefördert wird. Dies ist ein besserer Beitrag zur Förderung der Toleranz als der Religionsunterricht einer weiteren archaischen Religion, die erst mit großer Mühe modernitätsverträglich umgedeutet werden muß, bis sie wenigstens jenes Maß an Verträglichkeit mit der Moderne erreicht, das die christlichen Kirchen trotz ihrer illusionären Weltdeutung nach dem Durchgang durch den Dreißigjährigen Krieg, die Aufklärung und den seit dem 19. Jahrhundert in den westlichen Ländern unaufhaltsamen Säkularisierungsprozeß immerhin erreicht haben.

Sterbekultur im Vergleich

Immer wieder finden sich in der Neuen Zürcher Zeitung Todesanzeigen wie die nachfolgend wiedergegebene eines angesehenen Wissenschaftlers, die von der Möglichkeit künden, familiär und sozial eingebettet auf selbstbestimmte Weise sterben zu können.
Der in der Anzeige der Familie Kummer erwähnte Hausarzt und die Familie müßten in Deutschland mit Verfolgung durch den Staatsanwalt rechnen, der Hausarzt zudem mit schwerwiegenden berufsrechtlichen Konsequenzen, zumindest aber mit einer moralischen Diffamierung durch führende Repräsentanten der Ärzteschaft.

Erscheint es nicht nur mir so, daß Deutschland, was die Sterbekultur angeht, ein rückständiges Land ist?

Todesanzeige Prof. Dr. Hans Kummer

Angemessene grundsätzliche Überlegungen zu dieser Problematik finden sich hier:

Freiheit im Leben – Freiheit zum Tode

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Kahl_Sterbehilfe.pdf

Ronald Dworkin (1931 – 2013):

“Making someone die in a way others approve, but he believes contradicts his own dignity, is a serious, unjustified, unnecessary form of tyranny.”

“Jemanden zu zwingen, auf eine Weise zu sterben, die andere billigen, von der er jedoch überzeugt ist, daß sie seiner eigenen Würde widerspricht, ist eine ernste, ungerechtfertigte und unnötige Form der Tyrannei.”

Do We Have a Right to Die?, 1994

„Hall of Fame“: engagierte Aufklärer in Zitaten

Jean Amery (1912 – 1978):

„Zusammen mit der Skepsis, die ihm nicht widerredet, sondern ihn geistreich ergänzt, ist der menschfreundlicbe Optimismus der Aufklärung mit den statischen Werten von Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit, Wahrheit unsere einzige Chance, Geschichte zu machen und mit ihr das recht eigentlich humane Geschäft: die Sinngebung des Sinnlosen zu betreiben.  …  Alles kommt jetzt darauf an, daß die Aufklärung sich nicht einschüchtern lasse: weder durch den historisch patinierten, aber darum noch lange nicht zu Ehrwürden gelangten traditonellen Vorwurf, sie sei „flach“, noch durch das zeitgemäß gestikulierende, arrogante, aber gänzlich unstichhaltige Argument, sie sei „überholt“.

Aufklärung als Philosophia perennis, Rede zu Verleihung des Lessingpreises der Stadt Hamburg, 1977

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Hans Albert (geb. 1921):

„Ich wurde also Atheist, weil ich kein Gründe dafür fand, an Gott zu glauben.“

Richard Schröders Kritik des neuen Atheismus, 2010

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Kwame Anthony Appiah (geb. 1954):

„Toleration requires a concept of the intolerable.“

„Toleranz verlangt eine Festlegung des Intolerablen.“

Cosmopolitanism. Ethics in a World of Strangers, 2006

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Julian Baggini (geb. 1968):

„Religion will recede not by atheists shouting condemnation, but by the quiet voice of reason slowly making itself heard.“

„Die Religion wird nicht dahinschwinden, weil Atheisten sie lauthals verdammen, sondern durch die ruhige Stimme der Vernunft, die sich langsam Gehör verschafft.“

Atheism. A Very Short Introduction, 2003

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Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990):

„Man darf nie aufhören, sich die Welt vorzustellen, wie sie am vernünftigsten wäre.“

Hingeschriebenes, 1947 – 1948

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Ronald Dworkin (1931 – 2013):

„Making someone die in a way others approve, but he believes contradicts his own dignity, is a serious, unjustified, unnecessary form of tyranny.“

„Jemanden zu zwingen, auf eine Weise zu sterben, die andere billigen, von der er jedoch überzeugt ist, daß sie seiner eigenen Würde widerspricht, ist eine ernste, ungerechtfertigte und unnötige Form der Tyrannei.“

Do We Have a Right to Die?, 1994

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Albert Einstein (1879 – 1955):

„Indessen geht es bei den Angelegenheiten tätiger Menschen um etwas anderes. Hier genügt die einmalige Erkenntnis der Wahrheit nicht; im Gegenteil, diese Erkenntnis muß beständig und unermüdlich erneuert werden, soll sie nicht verlorengehen. Sie gleicht darin einer Marmorstatue, die in der Wüste steht und ständig in Gefahr ist, vom Flugsand begraben zu werden. Fleißige Hände müssen sich unablässig rühren, damit der Marmor weiter in der Sonne schimmern kann. Zu diesen fleißigen Händen sollen auch die meinen gehören.“

Über Erziehung, 1936

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Richard Mervyn Hare (1919 – 2002):

“ …  the question ‚What shall I do?‘ is one that we cannot for long evade; the problems of conduct, though sometimes less diverting than crossword puzzles, have to be solved in a way that crossword puzzles do not. We cannot wait to see the solution in the next issue, because on the solution of the problems depends what happens in the next issue.“

„Wir können der Frage: ‚Was soll ich tun?‘ nicht lange ausweichen; die Probleme des Verhaltens verlangen, auch wenn sie manchmal weniger unterhaltend sind als Kreuzworträtsel, in einer Weise nach einer Lösung, wie es Kreuzworträtsel nicht tun. Wir können nicht darauf warten, die Lösung in der nächsten Ausgabe zu finden, weil es von der Lösung der der Probleme abhängt, was in der nächsten Ausgabe passiert.“

The Language of Morals, 1952

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Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799):

„Wenn ich dieses Buch nicht geschrieben hätte, so würde heute über tausend Jahre abends zwischen sechs und sieben zum Beispiel in mancher Stadt in Deutschland von ganz andern Dingen gesprochen worden sein, als wirklich gesprochen werden wird.“

Aphorismen, 1773 – 1775

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Michel de Montaigne (1533 – 1592):

„Wir sind Christen im gleichen Sinne, wie wir Schwaben oder Perigordiner sind.

Apologie des Raimundus Sebundus, 1576

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Bertrand Russell (1872 – 1970):

„I do not believe that, on the balance, religious belief has been a force for good. Although I am prepared to admit that in certain times and places it has had some good effects, I regard it as belonging to the infancy of human reason, and to a stage of development which we are now outgrowing.“

„Ich glaube nicht, daß religiöser Glaube, aufs Ganze gesehen, etwas Gutes bewirkt hat. Auch wenn ich bereit bin, zuzugestehen, daß er zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten einige gute Wirkungen gehabt hat, denke ich, daß er einem kindlichen Stadium des menschlichen Denkens angehört, einer Entwicklungsstufe, aus der wir nun herauswachsen.“

Free Thought and Official Propaganda, 1922

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Arthur Schopenhauer (1788 – 1860):

Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß das Wort Atheismus eine Erschleichung enthält; weil es vorweg den Theismus als sich von selbst verstehend annimmt.

Über die víerfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 1847

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Miguel de Unamuno (1864 – 1936):

„En la iglesia me quito el sombrero, pero no me quito la cabeza.“

“ In der Kirche nehme ich den Hut ab, aber nicht den Kopf.“

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Säkularer Humanismus und religiöse Bedürfnisse

„So to me the important challenge is not to debunk religion, but to address its issues in better ways.“

„Für mich liegt die wesentliche Herausforderung nicht darin, die Religion zu Fall zu bringen, sondern darin,  bessere Antworten auf die Bedürfnisse zu finden, die in ihr zum Ausdruck kommen.“

 

Physik-Nobelpreisträger Frank Wilczek in seiner Antwort auf die Edge-Jahresfrage 2008

 

Inwieweit kann und sollte ein säkularer Humanismus religiöse Bedürfnisse befriedigen?

Es schadet nicht, wenn das gemächlich vor sich hin dümpelnde Schifflein der Aufklärung von Zeit zu Zeit durch eine Sturmböe wie 2006 Dawkins „Gotteswahn“ etwas beschleunigt, durcheinandergewirbelt und von neuem ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit getrieben wird. Die Religion bleibt bei jedem derartigen Ereignis ein wenig zerzauster zurück. Aber auch die Takelage des Kritikers bleibt nicht unbeschädigt: http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Dawkinskritik.pdf 

Nicht lange und der Wind hat sich wieder gelegt und die Religion besteht fort und fort. Sie leidet zwar unter den psychischen Deformationen und persönlichen Leidenswegen, die von den institutionalisierten dogmatischen Religonsgemeinschaften in bedauerlichem Umfang verursacht werden und aus deren Innerem immer wieder an die Oberfläche dringen, wie dies aktuell vor allem die katholische Kirche betrifft. Dennoch erweisen sich religiöse Überzeugungen als erstaunlich resistent, auch gegenüber moderater, sachlicher, gut begründeter Kritik in Gesellschaften mit einem relativ hohen Bildungs- und Säkularisierungsgrad.

Jenseits aller im Detail mehr oder weniger berechtigter Erklärungsansätze, die das Phänomen „Religion“ provoziert, seien sie nun evolutionärer, historischer, soziologischer oder psychologischer Natur, haben auch aufgeklärte moderne Menschen weiterhin religiöse Bedürfnisse. Auf diese Tatsache haben vorrangig negative Religionskritiker wie Dawkins keine ausreichende Antwort. Wenn Dawkins die Teilnahme am wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß sowohl in der aktiven Rolle des forschenden Wissenschaftlers als auch in der rezeptiven Rolle des interessierten Laien als Lebenssinn empfiehlt (so etwa am Ende des zweiten Kapitels von „Unweaving the Rainbow“), so ist dies zwar ein berechtigter Teilaspekt für die Sinngebung im menschlichen Leben, aber keine ausreichende Antwort auf die Reichhaltigkeit religiöser Ansätze.

Nicht alles, was Religionen können, kann auch ein säkularer Humanismus. Er kann keine Hoffnung auf Unsterblichkeit und ausgleichende Gerechtigkeit in einem Jenseits machen. Er kann nicht die Illusion nähren, daß – abgesehen von der Erinnerung anderer Menschen an uns und unseren mehr oder weniger bedeutsamen und vergänglichen Beiträgen zur menschlichen Kultur – unser Bewußtsein unsere physische Existenz überdauern könnte.

Aber das meiste, was Religionen können, kann auch ein säkularer Humanismus. Und er kann es besser, nämlich ohne intellektuelle Opfer und  – jedenfalls in seinen intelligenteren Varianten – ohne dogmatische Tabus.

Erkenntnisstreben, Liebe, Mitmenschlichkeit, Lebensfreude, ästhetische Ansprechbarkeit, innerweltliche Spiritualität – nichts davon ist auf religiösen Glauben und religiöse Institutionen angewiesen. Auch die globale Durchsetzung von Menschen- und Bürgerrechten ist eine – leider noch weitgehend unerfüllte – Kulturleistung, zu der zwar auch aufgeklärte religiöse Menschen Wesentliches beitragen, bei der die Bilanz der Religionen insgesamt aber selbst bei wohlwollender Betrachtung zumindest äußerst durchwachsen ausfällt, die also jedenfalls nicht von diesen abhängt.

Der säkulare Humanismus steht dauerhaft im Spannungsfeld zwischen gründlicher philosophischer Analyse und Kritik mit wissenschaftlichem Anspruch, aber oft nur geringer gesellschaftlicher Wirksamkeit und der ganz alltäglichen Präsenz bei Diskussionen, Festen, Feiern, Übergangsriten. Dergestalt „religiösen Bedürfnissen“ gerecht zu werden, bleibt – bei vergleichsweise prekärer organisatorischer Struktur – weitgehend die immer wieder neue Aufgabe und dann auch das Verdienst einzelner Persönlichkeiten. Auch auf diese hinzuweisen, wird immer wieder ein Anliegen dieses Blogs sein.

Thesen zur Beschneidung aus laizistisch-humanistischer Sicht von Joachim Kahl

Joachim Kahl hat sich über das Thema der Beschneidung von Knaben nicht nur im Hinblick auf die Vertiefung des säkularen Rechtsstaats, sondern auch aus grundsätzlicher religionsgeschichtlicher und philosophischer Sicht Gedanken gemacht und seine Thesen dankenswerterweise für dieses Diskussionsforum zur Verfügung gestellt:

Dr. Dr. Joachim Kahl / Marburg

Das Kölner Beschneidungsurteil vom 7. Mai 2012 – ein wichtiger Schritt  auf dem Weg zur Vertiefung des säkularen Rechtsstaates

Neun Thesen aus laizistisch-humanistischer Sicht

Vorgetragen am 28.11.12 im Stuttgarter Humanistischen Zentrum bei einer Podiumsdiskussion

  1. Mit seinem Urteil zur Strafbarkeit religiös motivierter Beschneidungen an Knaben hat das Kölner Landgericht völlig unverhofft einen rechtspolitischen und kulturellen Meilenstein gesetzt. An einer sensiblen Materie hat es verdeutlicht, dass Kinder nicht die Leibeigenen ihrer Eltern sind, sondern deren Schutzbefohlene. Kinder sind eigene Rechtssubjekte mit allen Menschenrechten, nicht zuletzt denen auf körperliche Unversehrtheit und auf negative Religionsfreiheit.
  2. Eltern haben unstrittig das Recht und die Pflicht, ihre Kinder gemäß ihrer eigenen Weltanschauung, sei sie säkular oder religiös, zu erziehen, freilich nur im Rahmen des verfassungsmäßig geschützten Menschenrechtskanons, der für alle gilt, unabhängig vom Alter. Insofern dürfen atheistische Eltern ihre Kinder religionslos und religionskritisch erziehen. Religiöse Eltern dürfen ihre Kinder in den Anschauungen ihrer jeweiligen Religion erziehen. Verwehrt ist ihnen freilich dabei, irreversible oder als irreversibel vorgestellte Mitgliedschaften  überzustülpen. Denn dieser unfaire Paternalismus nutzt den kindlichen Zustand der Wehrlosigkeit und Unmündigkeit aus und verletzt das Recht, nur freiwillig  und ohne Zwang einer Religion oder Weltanschauung beizutreten oder eben nicht beizutreten. Die Illusion einer neutralen Erziehung sei in diesem Zusammenhang ausdrücklich als solche benannt und zurück gewiesen. Kurz: Recht auf religiöse Unterweisung: Ja! Recht auf religiöse Unterwerfung: Nein!
  3. Die positive Religionsfreiheit der Eltern findet ihre unüberschreitbare Schranke an der negativen Religionsfreiheit ihrer Kinder. Mit deren Erreichen der Religionsmündigkeit entsteht dann die Möglichkeit, selbständig über die Zugehörigkeit zu einer Religion und die etwaige Teilnahme an ihren Initiationsriten zu entscheiden. Allerdings empfiehlt es sich – angesichts der Komplexität der zu treffenden Entscheidungen und im Interesse ihrer Ernsthaftigkeit –, das heutige Alter der Religionsmündigkeit von vierzehn Jahren auf das allgemeine Mündigkeitsalter von achtzehn anzuheben. Um also jede Unklarheit auszuschließen: Ja zum Recht auf Beschneidung und Taufe von mündigen Menschen, die dies ausdrücklich begehren. Nein zu Beschneidung und Taufe von Säuglingen und Kleinkindern, die noch nicht einsichtsfähig und zustimmungsfähig sind.
  4. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland benennt die rechtlichen Regeln zur Lösung der zur Debatte stehenden Probleme in unüberbietbarer  Eindeutigkeit. „Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.“ (Artikel 140 Absatz 4, vollgültig aus der Weimarer Reichsverfassung ins Grundgesetz integriert) Im Lichte dieser kristallklaren Formulierungen, die nur aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden müssen, erweisen sich die Initiationsriten der drei abrahamitischen Religionen, vollzogen an kleinen Kindern, allesamt als rechtwidrig, ja als verfassungswidrig. Hier werden junge Menschen nicht nur zur „Teilnahme an religiösen Übungen gezwungen“, hier werden sie zu deren Objekt degradiert, zu deren Opfer gemacht.                            Zwei weitere Anmerkungen zum Artikel 140 der Verfassung. Bei der Frage „Was ist die unverletzbare Menschenwürde nach Artikel 1?“ hat die höchstrichterliche Rechtsprechung in vielen Jahrzehnten die rechtsphilosophische Figur der „Objekt-Formel“ entwickelt. Die Menschenwürde wird verletzt, angelehnt an Immanuel Kant, wo eine Person nicht als Subjekt, sondern als Objekt behandelt wird. Eben dies aber, füge ich jetzt hinzu, geschieht in der Knabenbeschneidung und in der Kindertaufe. Wie hoch das Grundgesetz das Recht auf negative Religionsfreiheit wertet, ergibt sich zudem besonders deutlich auch aus dem Verbot, zur Nutzung einer religiösen Eidesformel gezwungen zu werden, obwohl es sich doch „nur“ um eine merkwürdige rhetorische Floskel handelt („so wahr mir Gott helfe“). Um wie viel mehr wiegt dann das Verbot, zur Teilnahme an einer religiösen Handlung gezwungen zu werden!
  5. Unbeschadet dieser Gleichheit in der rechtlichen Unzulässigkeit sollte freilich die beachtliche Differenz zwischen Beschneidung und Taufe nicht unterschlagen werden. Die Taufe ist harmloser, denn sie verletzt nicht schmerzhaft den kindlichen Körper, und es fließt kein Blut. Insofern stellt sie in der Geschichte religiöser Initiationsriten einen zivilisatorischen Fortschritt dar, der mit dem Namen des Apostels Paulus verbunden ist. War noch der als göttlich verehrte Erlöser, Jesus Christus selbst, als Jude beschnitten, so verwarf Paulus die Beschneidung der männlichen Vorhaut als Zeichen eines Gott wohlgefälligen Lebenswandels und setzte an deren Stelle – anknüpfend an hebräische Propheten – eine spirituelle „Beschneidung des Herzens“. Damit wurde endlich auch die weibliche Hälfte des Menschengeschlechts gleichberechtigt in die unmittelbare Gottesbeziehung mit eingeschlossen. Paulus lehrte, vor Gott zähle nur die Reinheit der Gesinnung, eben der „Glaube“, der in der Liebe tätig sei. Damit war zugleich auch religiösen Kleider- und Speisegeboten argumentativ der Boden entzogen.
  6. Das hohe Alter von Traditionen und die identitätsstützende Inbrunst, mit der bestimmte religiös motivierte Praktiken heute verteidigt werden, besagen überhaupt nichts über deren ethische Qualität, über deren lebensdienliche Sinnhaftigkeit und über deren rechtsstaatliche Legitimität. Die Religions- und die Kirchengeschichte sind voll der bizarrsten Verirrungen und schauerlichsten Verbrechen, gepriesen in „heiligen“ Schriften als gottgewollte und gottwohlgefällige Glaubensinhalte. Tieropfer, Menschenopfer, Hexenverbrennungen, Ketzerverbrennungen, Verfolgung Andersgläubiger und Ungläubiger, Judenpogrome, Steinigungen von Ehebrecherinnen, Handamputationen bei Dieben – Jahrhunderte lang, oft Jahrtausende lang galten diese Gräuel als göttlicher Wille, bekräftigt von höchsten, für heilig gehaltenen Autoritäten, oft mit Unfehlbarkeitsanspruch. Wer dies kritisierte oder bezweifelte, war selbst der Gottlosigkeit verdächtig. Im Zusammenspiel von interner und externer Kritik, im Bündnis von Aufklärung und Staatsmacht wurden schließlich die gröbsten dieser Verfehlungen beendet, oder es wurde deren Beendung eingeleitet. Beispielgebend sei an das Verbot hinduistischer Witwenverbrennungen 1829 durch die britische Kolonialmacht in Indien erinnert. Nach der kuriosen Logik mancher heutiger Beschneidungsapologeten wäre dies als ein arroganter Eingriff in die Religionsfreiheit von Hindus und als kulturell unsensibler Akt eurozentrischer Respektlosigkeit vor Jahrtausende alten religiösen Traditionen zu verdammen, ein frühes Beispiel für „Vulgär – Rationalismus“ (Navid Kermani). Kluge Argumente und hilfreiche Informationen zur intensiven innerjüdischen und innerisraelischen Kritik an Bescheidung finden sich auf der englischsprachigen Internetseite „Jews against Circumcision“ (http://www.jewsagainstcircumcision.org/). Vor allem ist der Sachverhalt wichtig, dass das mosaische Gebot der Beschneidung der Knäblein am achten Tage als Zeichen des ewigen Gottesbundes begleitet wird vom Befehl, die Unbeschnittenen auszurotten (1. Mose 17,14). Dankenswerterweise gilt dies nicht mehr als identitätsstiftend  für eine jüdische Existenz.
  7. Das Urteil des Kölner Gerichtes steht nicht so isoliert da, wie es auf manche überraschte Kommentatoren gewirkt hat. Es bringt an einem konkreten Einzelfall auf den juristischen Punkt, was hierzulande in den letzten Jahren und Jahrzehnten an gesellschaftlichem Problem- und Wertbewusstsein herangereift ist. Die aufwühlenden Berichte über Genitalverstümmelungen in Afrika und Europa, vorgenommen von Frauen bei Mädchen, haben zugleich ein ebenso breites wie berechtigtes Interesse an der Frage geweckt: Mit welchem Recht amputieren eigentlich Ärzte und so genannte Beschneider an den Geschlechtsorganen kleiner Jungen herum? Kundigen Medizinern mit Praxiserfahrung und mutigen Juristen ist es zu verdanken, dass das Thema „religiös motivierte Knabenbeschneidung“ umfassend in internationalen Fachzeitschriften erörtert wurde. An einem zufälligen Einzelfall wurden dann von einem unabhängigen Gericht in Deutschland die richtigen Konsequenzen gezogen. Die Idee einer gewaltfreien Erziehung und die Idee der individuellen Selbstbestimmung gerade in religiös-weltanschaulichen Fragen sind die beiden tragenden Leitideen – geboren in der europäischen Aufklärung -, die den freiwilligen Verzicht auf die abrahamitischen Initiationsriten empfehlen oder notfalls deren Verbot begründen.
  8. Die europäische Aufklärung war eine befreiende Wohltat für alle Lebensbereiche nicht nur auf ihrem Ursprungskontinent. Am Beispiel der religionskritischen Hauptschrift Immanuel Kants „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793 / 94) sei das Säurebad vergegenwärtigt, in das er vornehmlich die christliche Religion legte. Diese Kur sei allen jenen heute empfohlen, die meinen, aus welchen Gründen auch immer, die Knabenbeschneidung verteidigen zu sollen. Kant schreibt: “Ich nehme erstlich folgenden Satz als einen keinen Beweises nötigen Grundsatz an: alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.“ ( Viertes Stück, 2.Teil, § 2, erster Satz; Zeichensetzung behutsam modernisiert) Ein starker Text mit starken Worten! Geleitet vom Idealbild einer gereinigten Vernunftreligion prangert Kant all das als „Religionswahn“ (!) und „Afterdienst Gottes“ (!) an, was über den guten  Lebenswandel hinausgeht, wie etwa die Beschneidung. In der Tat: ist es nicht grotesk, ja absurd sich vorzustellen – um einen Augenblick glaubensimmanent zu argumentieren – der erhabene Schöpfer aller Dinge wolle geehrt werden durch die blutige Amputation der männlichen Vorhaut, die er doch selber in seiner grenzenlosen Weisheit und Güte geschaffen hat?
  9. Die Initiationsriten der drei abrahamitischen Religionen, Taufe und Beschneidung, sind archaische Relikte der Zwangsmissionierung. Im kindlichen Zustand der Hilflosigkeit und Unmündigkeit werden massenhaft Mitglieder zwangsrekrutiert, ein Vorgang, den kein Rechtsstaat dauerhaft tolerieren kann. Auch unbeschnitten und ungetauft können wir guten Gewissens, guten Muts, mit guter Laune und mit gutem Erfolg durchs Leben gehen. Um ein sinnvolles Leben zu führen, brauchen wir andere Initiationshelfer: ein liebevolles und bildungsfreundliches Elternhaus, dessen anfängliche Erziehung in eine lebenslängliche Selbsterziehung mündet.

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/

Die Beschneidung von Jungen: mißlungenes religiöses Sonderrecht

Der deutsche Gesetzgeber hat sich nach dem konsequenten Urteil des Landgerichts Köln vom Mai 2012 bemüßigt gesehen, die rituelle, religiöse Beschneidung von Jungen rasch dem Bereich möglicher Strafbarkeit zu entziehen. Dies kann man aus historischen und politischen Gründen nachvollziehen – wenn auch nur als Übergangslösung in einem fortschreitenden Prozeß der Aufklärung (der derartige körperverletzende Zugehörigkeitsrituale selbst bei einem Festhalten an den zentralen Glaubenssätzen der Religionen auch für deren Anhänger obsolet werden lassen sollte).  Um seine Absicht in die Tat umzusetzen, mußte der Gesetzgeber religiöses Sonderrecht schaffen. Selbst wenn man dies für den Einzelfall akzeptiert und den möglichen gefährlichen Präzedenzcharakter dieses Vorgehens hintanstellt, ist die getroffene gesetzliche Regelung als ausgesprochen mißlungen zu werten. Statt in einem Paragraph 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuchs die elterliche Sorge ausdrücklich auf das Recht auszudehnen, über eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung zu entscheiden und eine solche Entscheidung somit ausdrücklich als rechtmäßig abzusegnen, hätte der Gesetzgeber wenigstens eine sehr viel distanziertere Lösung wählen können: eine Strafrechtsbestimmung, die die rituelle Beschneidung von Jungen als rechtswidrig, aber straffrei eingestuft hätte und dabei auch die Schutzbestimmungen für das Kindeswohl (zum Beispiel Berücksichtigung von Willensäußerungen insbesondere älterer Jungen) als einschränkende Voraussetzungen der Straffreiheit zusätzlich sehr viel deutlicher formuliert hätte, als dies der unglückliche BGB-Paragraph nun tut.

Der Gesetzgeber hat leider alle gut fundierten Einwände in den Wind geschlagen, wie sie unter anderem von Reinhard Merkel immer wieder vorgetragen wurden, so etwa hier:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-10/beschneidung-ethikrat-reinhard-merkel/seite-1