Sterbefasten – individueller Weg selbstbestimmten Sterbens, aber auch Ausweg, Notlösung und gewaltloser Widerstand angesichts paternalistischer Bevormundung des Sterbens

Daß ein selbstbestimmtes Sterben durch „Sterbefasten“, also den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) möglich ist, ist keine Neuigkeit und in vielerlei Varianten in den verschiedensten Zeitaltern und Kulturen immer wieder praktiziert worden. Viel zu wenig bekannt ist jedoch, daß die sozialen, pflegerischen, ärztlichen, moralischen und rechtlichen Aspekte dieser Methode selbstbestimmten Sterbens inzwischen systematisch untersucht worden sind und daß sie bei fachkundiger Begleitung eine durchaus humane, sozial eingebettete Art und Weise darstellen kann, sich aus einem unerträglich gewordenen Leben zu verabschieden. Das verdienstvolle, inzwischen in 4. Auflage erschienene Buch von Boudewijn Chabot und Christian Walther „Ausweg am Lebensende. Sterbefasten – Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken“ informiert hierüber umfassend und ausgewogen. Eine Kurzfassung der wesentlichen Aspekte des Sterbefastens gibt Christian Walther hier: https://www.taz.de/!5310404/.

FVNF sollte in der ambulanten und stationären Sterbebegleitung, Hospizarbeit und Palliativmedizin ein allgemein anerkanntes Verfahren werden, über das diejenigen Menschen, die um Hilfe bei einem selbstbestimmten Sterben bitten, in kompetenter Weise informiert werden.

In Ländern, die den Zugang zu lebensbeendenden Medikamenten unter bestimmten Voraussetzungen erlauben, wie den Niederlanden, könnte ein über mehrere Tage durchgehaltener FVNF zudem helfen, auch solchen aus gut nachvollziehbaren Gründen Sterbewilligen den Zugang zu diesen Medikamenten zu ermöglichen, die bisher durch das Raster der entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen fallen, weil sie aufgrund einer fortschreitenden Gebrechlichkeit und vielfacher in ihrer Summe stark beeinträchtigender Altersbeschwerden ihr Leben beenden möchten, jedoch nicht an einer binnem kurzem zum Tode führenden oder mit unerträglichen Schmerzen verbundenen Erkrankung leiden.

Sterbefasten kann jedoch nicht die alleinige Lösung der Sterbehilfeproblematik sein. Auch wenn ein angekündigter und sich über einen Zeitraum von in der Regel 2 -3 Wochen erstreckender Sterbeprozeß ein sinnvoller, humaner Abschied sein kann, wird nicht jeder aus nachvollziehbaren Gründen Sterbewillige seine Sterbeabsicht im voraus mit seinen Angehörigen und institutionellen Helfern diskutieren können und wollen und nicht jeder wird den mit dem FVNF verbundenen verzögerten Sterbeprozeß durchmachen wollen, bei dem er obendrein am Ende doch nicht über den genauen Zeitpunkt seines Todes bestimmen kann.

Wo aber in großen Teilen des Sozialsystems und im Rechtssystem weiterhin eine paternalistische Bevormundung des Sterbens vorherrscht, wie etwa in Deutschland, kann das Sterbefasten auch für denjenigen ein Ausweg im Sinne einer Notlösung sein, der unteren anderen Umständen eine raschere Form des selbstbestimmten Sterbens bevorzugen würde.

Für manche Menschen aber ist dieser Weg aus dem Leben nicht von den gesellschaftlichen Umständen erzwungen, sondern ihre ganz persönliche Wahl, der Weg, der ihnen gemäß ist:

Sterbefasten – Freiheit zum Tod. Eine Dokumentation über den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit von Marion M., DVD, Medienprojekt Wuppertal 2013.

Ein Gedenken an einen beeindruckenden Menschen, eine ungewöhnlich starke Persönlichkeit. Aber auch außerordentlich in vielerlei sonstiger Hinsicht, angefangen von der höchst ungewöhnlichen Erkrankung bis hin zum minimalem pflegerischen Aufwand und dem Ausmaß an Selbstkontrolle bis kurz vor dem Tod. Und so eindrucksvoll dieser individuelle Abschied aus dem Leben ist, so wenig darf man daraus schließen, daß die Beendigung des Lebens durch Sterbefasten immer mit so viel Glück im Unglück einhergehen wird.

 

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