(Islamischer) Religionsunterricht: ein überholtes Schulfach als falsche Antwort auf religiösen Fanatismus

In der deutschen Politik herrscht gegenwärtig parteiübergreifende Begeisterung für die Einführung und den Ausbau eines islamischen Religionsunterrichts. Auf den ersten Blick erscheint dies nicht so abwegig: Man erhofft sich eine staatliche Kontrolle über die Inhalte und eine Entwicklung zu relativer Toleranz, wie sie die christlichen Kirchen und ihr Religionsunterricht durchlaufen haben. Aber kann es wirklich angehen, daß eine zunehmend säkulare Gesellschaft, in der die konfessionslosen Bürger einen jährlich steigenden Anteil von inzwischen etwa einem Drittel erreicht haben, den konfessionellen Religonsunterricht um eine weitere Religion „bereichert“ und hierfür erhebliche Ressourcen für universitäre Ausbildung und Lehrpersonal bereitstellt? Es sollte vielmehr endlich ein flächendeckender staatlicher Unterricht in Weltanschauungskunde und Lebensgestaltung als ordentliches Lehrfach statt des Religionsunterichts eingeführt werden. § 7 Absatz 3 des Grundgesetzes ist in seiner jetzigen Form eines Schutzparagraphen für den Religionsunterricht ein Anachronismus. Der Religionsunterricht – welcher Konfession auch immer – gehört in die „private“, konfessionell verantwortete und finanzierte „Sonntagsschule“. Besonders abwegig erscheint die derzeit nahezu unisono geäußerte Begeisterung für einen islamischen Religionsunterricht als schulisches Lehrfach, wenn man bedenkt, wie zögerlich und unzureichend (wenn auch von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich und mit deutlichem Nord-/Süd- bzw. Ost-/West-Gefälle) die verschiedenen staatlichen Ethik- und Philosophieunterrichtsangebote ausgebaut und finanziert werden (in manchen Bundesländern – wie Bayern – ist eher der Ausdruck „torpediert werden“ angemessen). Was uns fehlt, ist ein flächendeckend eingeführtes, verpflichtendes Unterrichtsfach, in dem alle Weltanschauungen und Religionen einer kritischen Betrachtung unterzogen werden und ganz allgemein kritisches und wissenschaftliches Denken gefördert wird. Dies ist ein besserer Beitrag zur Förderung der Toleranz als der Religionsunterricht einer weiteren archaischen Religion, die erst mit großer Mühe modernitätsverträglich umgedeutet werden muß, bis sie wenigstens jenes Maß an Verträglichkeit mit der Moderne erreicht, das die christlichen Kirchen trotz ihrer illusionären Weltdeutung nach dem Durchgang durch den Dreißigjährigen Krieg, die Aufklärung und den seit dem 19. Jahrhundert in den westlichen Ländern unaufhaltsamen Säkularisierungsprozeß immerhin erreicht haben.

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