Säkularer Humanismus und religiöse Bedürfnisse

„So to me the important challenge is not to debunk religion, but to address its issues in better ways.“

„Für mich liegt die wesentliche Herausforderung nicht darin, die Religion zu Fall zu bringen, sondern darin,  bessere Antworten auf die Bedürfnisse zu finden, die in ihr zum Ausdruck kommen.“

 

Physik-Nobelpreisträger Frank Wilczek in seiner Antwort auf die Edge-Jahresfrage 2008

 

Inwieweit kann und sollte ein säkularer Humanismus religiöse Bedürfnisse befriedigen?

Es schadet nicht, wenn das gemächlich vor sich hin dümpelnde Schifflein der Aufklärung von Zeit zu Zeit durch eine Sturmböe wie 2006 Dawkins „Gotteswahn“ etwas beschleunigt, durcheinandergewirbelt und von neuem ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit getrieben wird. Die Religion bleibt bei jedem derartigen Ereignis ein wenig zerzauster zurück. Aber auch die Takelage des Kritikers bleibt nicht unbeschädigt: http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Dawkinskritik.pdf 

Nicht lange und der Wind hat sich wieder gelegt und die Religion besteht fort und fort. Sie leidet zwar unter den psychischen Deformationen und persönlichen Leidenswegen, die von den institutionalisierten dogmatischen Religonsgemeinschaften in bedauerlichem Umfang verursacht werden und aus deren Innerem immer wieder an die Oberfläche dringen, wie dies aktuell vor allem die katholische Kirche betrifft. Dennoch erweisen sich religiöse Überzeugungen als erstaunlich resistent, auch gegenüber moderater, sachlicher, gut begründeter Kritik in Gesellschaften mit einem relativ hohen Bildungs- und Säkularisierungsgrad.

Jenseits aller im Detail mehr oder weniger berechtigter Erklärungsansätze, die das Phänomen „Religion“ provoziert, seien sie nun evolutionärer, historischer, soziologischer oder psychologischer Natur, haben auch aufgeklärte moderne Menschen weiterhin religiöse Bedürfnisse. Auf diese Tatsache haben vorrangig negative Religionskritiker wie Dawkins keine ausreichende Antwort. Wenn Dawkins die Teilnahme am wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß sowohl in der aktiven Rolle des forschenden Wissenschaftlers als auch in der rezeptiven Rolle des interessierten Laien als Lebenssinn empfiehlt (so etwa am Ende des zweiten Kapitels von „Unweaving the Rainbow“), so ist dies zwar ein berechtigter Teilaspekt für die Sinngebung im menschlichen Leben, aber keine ausreichende Antwort auf die Reichhaltigkeit religiöser Ansätze.

Nicht alles, was Religionen können, kann auch ein säkularer Humanismus. Er kann keine Hoffnung auf Unsterblichkeit und ausgleichende Gerechtigkeit in einem Jenseits machen. Er kann nicht die Illusion nähren, daß – abgesehen von der Erinnerung anderer Menschen an uns und unseren mehr oder weniger bedeutsamen und vergänglichen Beiträgen zur menschlichen Kultur – unser Bewußtsein unsere physische Existenz überdauern könnte.

Aber das meiste, was Religionen können, kann auch ein säkularer Humanismus. Und er kann es besser, nämlich ohne intellektuelle Opfer und  – jedenfalls in seinen intelligenteren Varianten – ohne dogmatische Tabus.

Erkenntnisstreben, Liebe, Mitmenschlichkeit, Lebensfreude, ästhetische Ansprechbarkeit, innerweltliche Spiritualität – nichts davon ist auf religiösen Glauben und religiöse Institutionen angewiesen. Auch die globale Durchsetzung von Menschen- und Bürgerrechten ist eine – leider noch weitgehend unerfüllte – Kulturleistung, zu der zwar auch aufgeklärte religiöse Menschen Wesentliches beitragen, bei der die Bilanz der Religionen insgesamt aber selbst bei wohlwollender Betrachtung zumindest äußerst durchwachsen ausfällt, die also jedenfalls nicht von diesen abhängt.

Der säkulare Humanismus steht dauerhaft im Spannungsfeld zwischen gründlicher philosophischer Analyse und Kritik mit wissenschaftlichem Anspruch, aber oft nur geringer gesellschaftlicher Wirksamkeit und der ganz alltäglichen Präsenz bei Diskussionen, Festen, Feiern, Übergangsriten. Dergestalt „religiösen Bedürfnissen“ gerecht zu werden, bleibt – bei vergleichsweise prekärer organisatorischer Struktur – weitgehend die immer wieder neue Aufgabe und dann auch das Verdienst einzelner Persönlichkeiten. Auch auf diese hinzuweisen, wird immer wieder ein Anliegen dieses Blogs sein.

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