„Hall of Fame“: engagierte Aufklärer in Zitaten

Jean Amery (1912 – 1978):

„Zusammen mit der Skepsis, die ihm nicht widerredet, sondern ihn geistreich ergänzt, ist der menschfreundlicbe Optimismus der Aufklärung mit den statischen Werten von Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit, Wahrheit unsere einzige Chance, Geschichte zu machen und mit ihr das recht eigentlich humane Geschäft: die Sinngebung des Sinnlosen zu betreiben.  …  Alles kommt jetzt darauf an, daß die Aufklärung sich nicht einschüchtern lasse: weder durch den historisch patinierten, aber darum noch lange nicht zu Ehrwürden gelangten traditonellen Vorwurf, sie sei „flach“, noch durch das zeitgemäß gestikulierende, arrogante, aber gänzlich unstichhaltige Argument, sie sei „überholt“.

Aufklärung als Philosophia perennis, Rede zu Verleihung des Lessingpreises der Stadt Hamburg, 1977

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Hans Albert (geb. 1921):

„Ich wurde also Atheist, weil ich kein Gründe dafür fand, an Gott zu glauben.“

Richard Schröders Kritik des neuen Atheismus, 2010

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Kwame Anthony Appiah (geb. 1954):

„Toleration requires a concept of the intolerable.“

„Toleranz verlangt eine Festlegung des Intolerablen.“

Cosmopolitanism. Ethics in a World of Strangers, 2006

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Julian Baggini (geb. 1968):

„Religion will recede not by atheists shouting condemnation, but by the quiet voice of reason slowly making itself heard.“

„Die Religion wird nicht dahinschwinden, weil Atheisten sie lauthals verdammen, sondern durch die ruhige Stimme der Vernunft, die sich langsam Gehör verschafft.“

Atheism. A Very Short Introduction, 2003

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Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990):

„Man darf nie aufhören, sich die Welt vorzustellen, wie sie am vernünftigsten wäre.“

Hingeschriebenes, 1947 – 1948

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Ronald Dworkin (1931 – 2013):

„Making someone die in a way others approve, but he believes contradicts his own dignity, is a serious, unjustified, unnecessary form of tyranny.“

„Jemanden zu zwingen, auf eine Weise zu sterben, die andere billigen, von der er jedoch überzeugt ist, daß sie seiner eigenen Würde widerspricht, ist eine ernste, ungerechtfertigte und unnötige Form der Tyrannei.“

Do We Have a Right to Die?, 1994

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Albert Einstein (1879 – 1955):

„Indessen geht es bei den Angelegenheiten tätiger Menschen um etwas anderes. Hier genügt die einmalige Erkenntnis der Wahrheit nicht; im Gegenteil, diese Erkenntnis muß beständig und unermüdlich erneuert werden, soll sie nicht verlorengehen. Sie gleicht darin einer Marmorstatue, die in der Wüste steht und ständig in Gefahr ist, vom Flugsand begraben zu werden. Fleißige Hände müssen sich unablässig rühren, damit der Marmor weiter in der Sonne schimmern kann. Zu diesen fleißigen Händen sollen auch die meinen gehören.“

Über Erziehung, 1936

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Richard Mervyn Hare (1919 – 2002):

“ …  the question ‚What shall I do?‘ is one that we cannot for long evade; the problems of conduct, though sometimes less diverting than crossword puzzles, have to be solved in a way that crossword puzzles do not. We cannot wait to see the solution in the next issue, because on the solution of the problems depends what happens in the next issue.“

„Wir können der Frage: ‚Was soll ich tun?‘ nicht lange ausweichen; die Probleme des Verhaltens verlangen, auch wenn sie manchmal weniger unterhaltend sind als Kreuzworträtsel, in einer Weise nach einer Lösung, wie es Kreuzworträtsel nicht tun. Wir können nicht darauf warten, die Lösung in der nächsten Ausgabe zu finden, weil es von der Lösung der der Probleme abhängt, was in der nächsten Ausgabe passiert.“

The Language of Morals, 1952

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Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799):

„Wenn ich dieses Buch nicht geschrieben hätte, so würde heute über tausend Jahre abends zwischen sechs und sieben zum Beispiel in mancher Stadt in Deutschland von ganz andern Dingen gesprochen worden sein, als wirklich gesprochen werden wird.“

Aphorismen, 1773 – 1775

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Michel de Montaigne (1533 – 1592):

„Wir sind Christen im gleichen Sinne, wie wir Schwaben oder Perigordiner sind.

Apologie des Raimundus Sebundus, 1576

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Bertrand Russell (1872 – 1970):

„I do not believe that, on the balance, religious belief has been a force for good. Although I am prepared to admit that in certain times and places it has had some good effects, I regard it as belonging to the infancy of human reason, and to a stage of development which we are now outgrowing.“

„Ich glaube nicht, daß religiöser Glaube, aufs Ganze gesehen, etwas Gutes bewirkt hat. Auch wenn ich bereit bin, zuzugestehen, daß er zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten einige gute Wirkungen gehabt hat, denke ich, daß er einem kindlichen Stadium des menschlichen Denkens angehört, einer Entwicklungsstufe, aus der wir nun herauswachsen.“

Free Thought and Official Propaganda, 1922

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Arthur Schopenhauer (1788 – 1860):

Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß das Wort Atheismus eine Erschleichung enthält; weil es vorweg den Theismus als sich von selbst verstehend annimmt.

Über die víerfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, 1847

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Miguel de Unamuno (1864 – 1936):

„En la iglesia me quito el sombrero, pero no me quito la cabeza.“

“ In der Kirche nehme ich den Hut ab, aber nicht den Kopf.“

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Säkularer Humanismus und religiöse Bedürfnisse

„So to me the important challenge is not to debunk religion, but to address its issues in better ways.“

„Für mich liegt die wesentliche Herausforderung nicht darin, die Religion zu Fall zu bringen, sondern darin,  bessere Antworten auf die Bedürfnisse zu finden, die in ihr zum Ausdruck kommen.“

 

Physik-Nobelpreisträger Frank Wilczek in seiner Antwort auf die Edge-Jahresfrage 2008

 

Inwieweit kann und sollte ein säkularer Humanismus religiöse Bedürfnisse befriedigen?

Es schadet nicht, wenn das gemächlich vor sich hin dümpelnde Schifflein der Aufklärung von Zeit zu Zeit durch eine Sturmböe wie 2006 Dawkins „Gotteswahn“ etwas beschleunigt, durcheinandergewirbelt und von neuem ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit getrieben wird. Die Religion bleibt bei jedem derartigen Ereignis ein wenig zerzauster zurück. Aber auch die Takelage des Kritikers bleibt nicht unbeschädigt: http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Dawkinskritik.pdf 

Nicht lange und der Wind hat sich wieder gelegt und die Religion besteht fort und fort. Sie leidet zwar unter den psychischen Deformationen und persönlichen Leidenswegen, die von den institutionalisierten dogmatischen Religonsgemeinschaften in bedauerlichem Umfang verursacht werden und aus deren Innerem immer wieder an die Oberfläche dringen, wie dies aktuell vor allem die katholische Kirche betrifft. Dennoch erweisen sich religiöse Überzeugungen als erstaunlich resistent, auch gegenüber moderater, sachlicher, gut begründeter Kritik in Gesellschaften mit einem relativ hohen Bildungs- und Säkularisierungsgrad.

Jenseits aller im Detail mehr oder weniger berechtigter Erklärungsansätze, die das Phänomen „Religion“ provoziert, seien sie nun evolutionärer, historischer, soziologischer oder psychologischer Natur, haben auch aufgeklärte moderne Menschen weiterhin religiöse Bedürfnisse. Auf diese Tatsache haben vorrangig negative Religionskritiker wie Dawkins keine ausreichende Antwort. Wenn Dawkins die Teilnahme am wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß sowohl in der aktiven Rolle des forschenden Wissenschaftlers als auch in der rezeptiven Rolle des interessierten Laien als Lebenssinn empfiehlt (so etwa am Ende des zweiten Kapitels von „Unweaving the Rainbow“), so ist dies zwar ein berechtigter Teilaspekt für die Sinngebung im menschlichen Leben, aber keine ausreichende Antwort auf die Reichhaltigkeit religiöser Ansätze.

Nicht alles, was Religionen können, kann auch ein säkularer Humanismus. Er kann keine Hoffnung auf Unsterblichkeit und ausgleichende Gerechtigkeit in einem Jenseits machen. Er kann nicht die Illusion nähren, daß – abgesehen von der Erinnerung anderer Menschen an uns und unseren mehr oder weniger bedeutsamen und vergänglichen Beiträgen zur menschlichen Kultur – unser Bewußtsein unsere physische Existenz überdauern könnte.

Aber das meiste, was Religionen können, kann auch ein säkularer Humanismus. Und er kann es besser, nämlich ohne intellektuelle Opfer und  – jedenfalls in seinen intelligenteren Varianten – ohne dogmatische Tabus.

Erkenntnisstreben, Liebe, Mitmenschlichkeit, Lebensfreude, ästhetische Ansprechbarkeit, innerweltliche Spiritualität – nichts davon ist auf religiösen Glauben und religiöse Institutionen angewiesen. Auch die globale Durchsetzung von Menschen- und Bürgerrechten ist eine – leider noch weitgehend unerfüllte – Kulturleistung, zu der zwar auch aufgeklärte religiöse Menschen Wesentliches beitragen, bei der die Bilanz der Religionen insgesamt aber selbst bei wohlwollender Betrachtung zumindest äußerst durchwachsen ausfällt, die also jedenfalls nicht von diesen abhängt.

Der säkulare Humanismus steht dauerhaft im Spannungsfeld zwischen gründlicher philosophischer Analyse und Kritik mit wissenschaftlichem Anspruch, aber oft nur geringer gesellschaftlicher Wirksamkeit und der ganz alltäglichen Präsenz bei Diskussionen, Festen, Feiern, Übergangsriten. Dergestalt „religiösen Bedürfnissen“ gerecht zu werden, bleibt – bei vergleichsweise prekärer organisatorischer Struktur – weitgehend die immer wieder neue Aufgabe und dann auch das Verdienst einzelner Persönlichkeiten. Auch auf diese hinzuweisen, wird immer wieder ein Anliegen dieses Blogs sein.

Thesen zur Beschneidung aus laizistisch-humanistischer Sicht von Joachim Kahl

Joachim Kahl hat sich über das Thema der Beschneidung von Knaben nicht nur im Hinblick auf die Vertiefung des säkularen Rechtsstaats, sondern auch aus grundsätzlicher religionsgeschichtlicher und philosophischer Sicht Gedanken gemacht und seine Thesen dankenswerterweise für dieses Diskussionsforum zur Verfügung gestellt:

Dr. Dr. Joachim Kahl / Marburg

Das Kölner Beschneidungsurteil vom 7. Mai 2012 – ein wichtiger Schritt  auf dem Weg zur Vertiefung des säkularen Rechtsstaates

Neun Thesen aus laizistisch-humanistischer Sicht

Vorgetragen am 28.11.12 im Stuttgarter Humanistischen Zentrum bei einer Podiumsdiskussion

  1. Mit seinem Urteil zur Strafbarkeit religiös motivierter Beschneidungen an Knaben hat das Kölner Landgericht völlig unverhofft einen rechtspolitischen und kulturellen Meilenstein gesetzt. An einer sensiblen Materie hat es verdeutlicht, dass Kinder nicht die Leibeigenen ihrer Eltern sind, sondern deren Schutzbefohlene. Kinder sind eigene Rechtssubjekte mit allen Menschenrechten, nicht zuletzt denen auf körperliche Unversehrtheit und auf negative Religionsfreiheit.
  2. Eltern haben unstrittig das Recht und die Pflicht, ihre Kinder gemäß ihrer eigenen Weltanschauung, sei sie säkular oder religiös, zu erziehen, freilich nur im Rahmen des verfassungsmäßig geschützten Menschenrechtskanons, der für alle gilt, unabhängig vom Alter. Insofern dürfen atheistische Eltern ihre Kinder religionslos und religionskritisch erziehen. Religiöse Eltern dürfen ihre Kinder in den Anschauungen ihrer jeweiligen Religion erziehen. Verwehrt ist ihnen freilich dabei, irreversible oder als irreversibel vorgestellte Mitgliedschaften  überzustülpen. Denn dieser unfaire Paternalismus nutzt den kindlichen Zustand der Wehrlosigkeit und Unmündigkeit aus und verletzt das Recht, nur freiwillig  und ohne Zwang einer Religion oder Weltanschauung beizutreten oder eben nicht beizutreten. Die Illusion einer neutralen Erziehung sei in diesem Zusammenhang ausdrücklich als solche benannt und zurück gewiesen. Kurz: Recht auf religiöse Unterweisung: Ja! Recht auf religiöse Unterwerfung: Nein!
  3. Die positive Religionsfreiheit der Eltern findet ihre unüberschreitbare Schranke an der negativen Religionsfreiheit ihrer Kinder. Mit deren Erreichen der Religionsmündigkeit entsteht dann die Möglichkeit, selbständig über die Zugehörigkeit zu einer Religion und die etwaige Teilnahme an ihren Initiationsriten zu entscheiden. Allerdings empfiehlt es sich – angesichts der Komplexität der zu treffenden Entscheidungen und im Interesse ihrer Ernsthaftigkeit –, das heutige Alter der Religionsmündigkeit von vierzehn Jahren auf das allgemeine Mündigkeitsalter von achtzehn anzuheben. Um also jede Unklarheit auszuschließen: Ja zum Recht auf Beschneidung und Taufe von mündigen Menschen, die dies ausdrücklich begehren. Nein zu Beschneidung und Taufe von Säuglingen und Kleinkindern, die noch nicht einsichtsfähig und zustimmungsfähig sind.
  4. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland benennt die rechtlichen Regeln zur Lösung der zur Debatte stehenden Probleme in unüberbietbarer  Eindeutigkeit. „Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.“ (Artikel 140 Absatz 4, vollgültig aus der Weimarer Reichsverfassung ins Grundgesetz integriert) Im Lichte dieser kristallklaren Formulierungen, die nur aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden müssen, erweisen sich die Initiationsriten der drei abrahamitischen Religionen, vollzogen an kleinen Kindern, allesamt als rechtwidrig, ja als verfassungswidrig. Hier werden junge Menschen nicht nur zur „Teilnahme an religiösen Übungen gezwungen“, hier werden sie zu deren Objekt degradiert, zu deren Opfer gemacht.                            Zwei weitere Anmerkungen zum Artikel 140 der Verfassung. Bei der Frage „Was ist die unverletzbare Menschenwürde nach Artikel 1?“ hat die höchstrichterliche Rechtsprechung in vielen Jahrzehnten die rechtsphilosophische Figur der „Objekt-Formel“ entwickelt. Die Menschenwürde wird verletzt, angelehnt an Immanuel Kant, wo eine Person nicht als Subjekt, sondern als Objekt behandelt wird. Eben dies aber, füge ich jetzt hinzu, geschieht in der Knabenbeschneidung und in der Kindertaufe. Wie hoch das Grundgesetz das Recht auf negative Religionsfreiheit wertet, ergibt sich zudem besonders deutlich auch aus dem Verbot, zur Nutzung einer religiösen Eidesformel gezwungen zu werden, obwohl es sich doch „nur“ um eine merkwürdige rhetorische Floskel handelt („so wahr mir Gott helfe“). Um wie viel mehr wiegt dann das Verbot, zur Teilnahme an einer religiösen Handlung gezwungen zu werden!
  5. Unbeschadet dieser Gleichheit in der rechtlichen Unzulässigkeit sollte freilich die beachtliche Differenz zwischen Beschneidung und Taufe nicht unterschlagen werden. Die Taufe ist harmloser, denn sie verletzt nicht schmerzhaft den kindlichen Körper, und es fließt kein Blut. Insofern stellt sie in der Geschichte religiöser Initiationsriten einen zivilisatorischen Fortschritt dar, der mit dem Namen des Apostels Paulus verbunden ist. War noch der als göttlich verehrte Erlöser, Jesus Christus selbst, als Jude beschnitten, so verwarf Paulus die Beschneidung der männlichen Vorhaut als Zeichen eines Gott wohlgefälligen Lebenswandels und setzte an deren Stelle – anknüpfend an hebräische Propheten – eine spirituelle „Beschneidung des Herzens“. Damit wurde endlich auch die weibliche Hälfte des Menschengeschlechts gleichberechtigt in die unmittelbare Gottesbeziehung mit eingeschlossen. Paulus lehrte, vor Gott zähle nur die Reinheit der Gesinnung, eben der „Glaube“, der in der Liebe tätig sei. Damit war zugleich auch religiösen Kleider- und Speisegeboten argumentativ der Boden entzogen.
  6. Das hohe Alter von Traditionen und die identitätsstützende Inbrunst, mit der bestimmte religiös motivierte Praktiken heute verteidigt werden, besagen überhaupt nichts über deren ethische Qualität, über deren lebensdienliche Sinnhaftigkeit und über deren rechtsstaatliche Legitimität. Die Religions- und die Kirchengeschichte sind voll der bizarrsten Verirrungen und schauerlichsten Verbrechen, gepriesen in „heiligen“ Schriften als gottgewollte und gottwohlgefällige Glaubensinhalte. Tieropfer, Menschenopfer, Hexenverbrennungen, Ketzerverbrennungen, Verfolgung Andersgläubiger und Ungläubiger, Judenpogrome, Steinigungen von Ehebrecherinnen, Handamputationen bei Dieben – Jahrhunderte lang, oft Jahrtausende lang galten diese Gräuel als göttlicher Wille, bekräftigt von höchsten, für heilig gehaltenen Autoritäten, oft mit Unfehlbarkeitsanspruch. Wer dies kritisierte oder bezweifelte, war selbst der Gottlosigkeit verdächtig. Im Zusammenspiel von interner und externer Kritik, im Bündnis von Aufklärung und Staatsmacht wurden schließlich die gröbsten dieser Verfehlungen beendet, oder es wurde deren Beendung eingeleitet. Beispielgebend sei an das Verbot hinduistischer Witwenverbrennungen 1829 durch die britische Kolonialmacht in Indien erinnert. Nach der kuriosen Logik mancher heutiger Beschneidungsapologeten wäre dies als ein arroganter Eingriff in die Religionsfreiheit von Hindus und als kulturell unsensibler Akt eurozentrischer Respektlosigkeit vor Jahrtausende alten religiösen Traditionen zu verdammen, ein frühes Beispiel für „Vulgär – Rationalismus“ (Navid Kermani). Kluge Argumente und hilfreiche Informationen zur intensiven innerjüdischen und innerisraelischen Kritik an Bescheidung finden sich auf der englischsprachigen Internetseite „Jews against Circumcision“ (http://www.jewsagainstcircumcision.org/). Vor allem ist der Sachverhalt wichtig, dass das mosaische Gebot der Beschneidung der Knäblein am achten Tage als Zeichen des ewigen Gottesbundes begleitet wird vom Befehl, die Unbeschnittenen auszurotten (1. Mose 17,14). Dankenswerterweise gilt dies nicht mehr als identitätsstiftend  für eine jüdische Existenz.
  7. Das Urteil des Kölner Gerichtes steht nicht so isoliert da, wie es auf manche überraschte Kommentatoren gewirkt hat. Es bringt an einem konkreten Einzelfall auf den juristischen Punkt, was hierzulande in den letzten Jahren und Jahrzehnten an gesellschaftlichem Problem- und Wertbewusstsein herangereift ist. Die aufwühlenden Berichte über Genitalverstümmelungen in Afrika und Europa, vorgenommen von Frauen bei Mädchen, haben zugleich ein ebenso breites wie berechtigtes Interesse an der Frage geweckt: Mit welchem Recht amputieren eigentlich Ärzte und so genannte Beschneider an den Geschlechtsorganen kleiner Jungen herum? Kundigen Medizinern mit Praxiserfahrung und mutigen Juristen ist es zu verdanken, dass das Thema „religiös motivierte Knabenbeschneidung“ umfassend in internationalen Fachzeitschriften erörtert wurde. An einem zufälligen Einzelfall wurden dann von einem unabhängigen Gericht in Deutschland die richtigen Konsequenzen gezogen. Die Idee einer gewaltfreien Erziehung und die Idee der individuellen Selbstbestimmung gerade in religiös-weltanschaulichen Fragen sind die beiden tragenden Leitideen – geboren in der europäischen Aufklärung -, die den freiwilligen Verzicht auf die abrahamitischen Initiationsriten empfehlen oder notfalls deren Verbot begründen.
  8. Die europäische Aufklärung war eine befreiende Wohltat für alle Lebensbereiche nicht nur auf ihrem Ursprungskontinent. Am Beispiel der religionskritischen Hauptschrift Immanuel Kants „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793 / 94) sei das Säurebad vergegenwärtigt, in das er vornehmlich die christliche Religion legte. Diese Kur sei allen jenen heute empfohlen, die meinen, aus welchen Gründen auch immer, die Knabenbeschneidung verteidigen zu sollen. Kant schreibt: “Ich nehme erstlich folgenden Satz als einen keinen Beweises nötigen Grundsatz an: alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.“ ( Viertes Stück, 2.Teil, § 2, erster Satz; Zeichensetzung behutsam modernisiert) Ein starker Text mit starken Worten! Geleitet vom Idealbild einer gereinigten Vernunftreligion prangert Kant all das als „Religionswahn“ (!) und „Afterdienst Gottes“ (!) an, was über den guten  Lebenswandel hinausgeht, wie etwa die Beschneidung. In der Tat: ist es nicht grotesk, ja absurd sich vorzustellen – um einen Augenblick glaubensimmanent zu argumentieren – der erhabene Schöpfer aller Dinge wolle geehrt werden durch die blutige Amputation der männlichen Vorhaut, die er doch selber in seiner grenzenlosen Weisheit und Güte geschaffen hat?
  9. Die Initiationsriten der drei abrahamitischen Religionen, Taufe und Beschneidung, sind archaische Relikte der Zwangsmissionierung. Im kindlichen Zustand der Hilflosigkeit und Unmündigkeit werden massenhaft Mitglieder zwangsrekrutiert, ein Vorgang, den kein Rechtsstaat dauerhaft tolerieren kann. Auch unbeschnitten und ungetauft können wir guten Gewissens, guten Muts, mit guter Laune und mit gutem Erfolg durchs Leben gehen. Um ein sinnvolles Leben zu führen, brauchen wir andere Initiationshelfer: ein liebevolles und bildungsfreundliches Elternhaus, dessen anfängliche Erziehung in eine lebenslängliche Selbsterziehung mündet.

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/

Die Beschneidung von Jungen: mißlungenes religiöses Sonderrecht

Der deutsche Gesetzgeber hat sich nach dem konsequenten Urteil des Landgerichts Köln vom Mai 2012 bemüßigt gesehen, die rituelle, religiöse Beschneidung von Jungen rasch dem Bereich möglicher Strafbarkeit zu entziehen. Dies kann man aus historischen und politischen Gründen nachvollziehen – wenn auch nur als Übergangslösung in einem fortschreitenden Prozeß der Aufklärung (der derartige körperverletzende Zugehörigkeitsrituale selbst bei einem Festhalten an den zentralen Glaubenssätzen der Religionen auch für deren Anhänger obsolet werden lassen sollte).  Um seine Absicht in die Tat umzusetzen, mußte der Gesetzgeber religiöses Sonderrecht schaffen. Selbst wenn man dies für den Einzelfall akzeptiert und den möglichen gefährlichen Präzedenzcharakter dieses Vorgehens hintanstellt, ist die getroffene gesetzliche Regelung als ausgesprochen mißlungen zu werten. Statt in einem Paragraph 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuchs die elterliche Sorge ausdrücklich auf das Recht auszudehnen, über eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung zu entscheiden und eine solche Entscheidung somit ausdrücklich als rechtmäßig abzusegnen, hätte der Gesetzgeber wenigstens eine sehr viel distanziertere Lösung wählen können: eine Strafrechtsbestimmung, die die rituelle Beschneidung von Jungen als rechtswidrig, aber straffrei eingestuft hätte und dabei auch die Schutzbestimmungen für das Kindeswohl (zum Beispiel Berücksichtigung von Willensäußerungen insbesondere älterer Jungen) als einschränkende Voraussetzungen der Straffreiheit zusätzlich sehr viel deutlicher formuliert hätte, als dies der unglückliche BGB-Paragraph nun tut.

Der Gesetzgeber hat leider alle gut fundierten Einwände in den Wind geschlagen, wie sie unter anderem von Reinhard Merkel immer wieder vorgetragen wurden, so etwa hier:

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-10/beschneidung-ethikrat-reinhard-merkel/seite-1

Wo bleibt die Philosophie im Deutschen Ethikrat?

Den ersten Artikel in diesem Blog möchte ich nutzen, um seine Notwendigkeit an einem konkreten Beispiel zu illustrieren: In der aktuellen Zusammensetzung des Deutschen Ethikrats vermißt man Mitglieder, die explizit als Philosophen firmieren und als solche in ihrer gesellschaftlichen Stellung und Tätigkeit unmittelbar zu erkennen wären. Nicht so schlimm, meinen Sie? Da ist ja noch der wackere Jurist und Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, da sind Medizinethiker mit philosophischer Ausbildung und – ja – da sind jede Menge Theologen, denen man auch eine ganze Menge Philosophie beigebracht hat, wenn auch immer unter stillschweigender Voraussetzung der alten Devise von der „ancilla theologiae“, Philosophie als „Magd der Theologie“.

Daß es leider doch schlimm ist, wie sich die Bundesregierung da ihren Ethikrat nach ihrem religiös dominierten Gusto zusammensucht, versteht man sehr rasch, wenn man sich einmal das hervorrragende Sondervotum des Philosophen Volker Gerhardt zur Demenz-Stellusngnahme vom Frühjahr 2012 ansieht (damals waren noch er selbst und seine sich dem Votum anschließende Kollegin Weyma Lübbe in dem Gremium): http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/stellungnahme-demenz-und-selbstbestimmung.pdf (S. 101 ff.) Einer der Momente, wo wirklich philosophische und moralische Überlegung und ernsthaftes Farbebekennen vom Ethikrat gefordert wurde (etwa auch zum Problem der Kontinuität menschlicher Personen) und ihm zu Recht vorgehalten wurde, daß er seine Existenzberechtigung nicht in wohlmeinenden Bekundungen humanitärer Wünschbarkeiten finden kann, die unauflösbare Dilemmata und tragische Lebenssituationen unter den Tisch kehren. Mit jenen vagen Bekundungen, die es jedem recht machen wollen, aus denen nach leider eher gewohntem Muster das Hauptvotum zur Demenz besteht, wird der Ethikrat die unvermeidliche Diskussion um Selbstbestimmung in unerträglichen Situationen am Lebensende, um gesellschaftlich akzeptierte Selbsttötung unter bestimmten Bedingungen, um assistierten Suizid und Sterbehilfe nicht wieder über die Schweizer Grenze zurückscheuchen können. Der Gegensatz zu der dort erreichten humanen Selbstbestimmung wird das Problem in Deutschland nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Auseinandersetzung muß und wird im Gegenteil an Schärfe gewinnen, in dem Maße wie sich die konservativen Bemühungen um eine restriktive Verschärfung der Sterbehilfegesetzgebung konkretisieren sollten.

Ziele und Grundsätze des Blogs

Die Philosophie und die Philosophen haben ein Öffentlichkeitsdefizit. Viele Leute werden zwar spontan den Namen ihres jeweiligen Diözesanbischofs nennen können, nicht aber den auch nur eines Philosophen, der an der nächstgelegenen Universität lehrt oder anderweitig in ihrer Region tätig ist.

Manche Ursachen für diese Situation werden die Philosophen nicht ändern können. Sie können nun einmal nicht auf vergleichbare institutionelle Traditionen und Rituale zurückgreifen wie die Kirchen und sie präsentieren sich kaum aus Anlaß gesellschaftlicher Großfeste sowie individueller und politischer Initiations- und Übergangsriten ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit.

Das Öffentlichkeitsdefizit der Philosophie steht jedoch in klarem Widerspruch zur fortschreitenden Säkularisierung unserer Gesellschaft. Kirchliche und theologische Stellungnahmen zu gesellschaftlichen und moralischen Fragen erhalten dadurch übermäßiges Gewicht. Sie behalten mehr Gewicht, als es in Anbetracht der schwindenden Bedeutung religiöser Lebensorientierung in der Gesellschaft und des fortschreitenden Mitgliederschwunds der Kirchen noch angemessen wäre.

Es gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Philosophie, die Wertediskussion in einer säkularen Gesellschaft zu führen und mitzubestimmen. Dieser Blog soll einen kleinen, langfristig angelegten Beitrag leisten, damit dies besser gelingt. Die Diskussionen die hier geführt werden, sollten sich um ein hohes Niveau an sachlicher Auseinandersetzung bemühen, was bisweilen Ironie und polemische Schärfe nicht ausschließen muß. Platter Antiklerikalismus, hämische und pseudolustige Kirchenkritik sowie jegliche persönliche Verunglimpfungen und beleidigende Herabsetzungen sind hier jedoch unerwünscht und werden, jedenfalls in gravierenden Fällen, vom Administrator gelöscht werden.

Dieser Blog lädt alle Philosophen, die sich von dem skizzierten Programm angesprochen fühlen, zur Mitarbeit ein. Der Administrator fordert dazu auf, allfällige wechselseitige Ressentiments zwischen Universitätsphilosophie, sogenannter Popularphilosophie und interessierten Diskussionsteilnehmern ohne formale philosophische Qualifikation aus diesem Blog herauszuhalten und die Diskussion ausschließlich an der argumentativen und sachlichen Qualität der Beiträge zu orientieren.

Hintergrundinformationen

Inititiator und Administrator des Blogs:

Dr. Michael Murauer, Deggendorf

e-Mail: michael.murauer@gmx.de

Homepage: http://www.murauer.info

Das Hintergrundbild zeigt die Skulptur „Lebensfreude“ (1967) des österreichischen Bildhauers Oskar Höfinger.

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